© Francis Alÿs

VW Beetle (Wolfsburg [D] 1938 - Puebla [MEX] 2003)
Foto: Joachim Ali Altschaffel, Wolfsburg im April 2004


Francis Alÿs
Walking Distance from the Studio



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Mit Ausstellungen von Künstlern wie Mariko Mori, Sharon Lockhardt oder Doug Aitken hat sich das Kunstmuseum Wolfsburg immer wieder herausragenden jungen Einzelpositionen zeitgenössischer Kunst gewidmet. Unter dem Titel "Walking Distance from the Studio" präsentiert das Kunstmuseum in seinem Jubiläumsjahr die erste umfassende Einzelausstellung des belgischen Künstlers Francis Alÿs in Deutschland.


Für den in Mexico City lebenden Francis Alÿs (geb. 1959) ist das Ephemere, also das Flüchtige, Vorübergehende zentrales Prinzip seiner Kunst. Die Arbeiten des Künstlers, der ursprünglich als Architekt ausgebildet wurde, bestehen vorwiegend aus Videos, Diashows, Zeichnungen und Gemälden. Er entwickelt diese aufgrund von Situationen, die ihm bei Spaziergängen durch die Strassen von Mexico City begegnen. So erweckt etwa eine wehende Plastiktüte seine Aufmerksamkeit oder schlafende Obdachlose, mal verfolgt er mit der Kamera den wandernden Schatten der Fahnenstange auf der Plaza Major. Damit steht der Künstler in der Tradition sowohl der Situationisten als auch der Fluxus-Künstler. Thema der Ausstellung ist, was ihn in seiner unmittelbaren Umgebung, im öffentlichen und sozialen Raum von Mexiko City, bewegt.


Gijs van Tuyl sagt zum Künstler und dessen Arbeiten: "Mit Francis Alÿs tritt ein Künstler auf, der schon seit fast zwanzig Jahren die anthropologischen Räume und sozialen Situationen von Mexico City beobachtet und erforscht und dies zum Anlass nimmt, daraus Fabeln zu weben, die dem Urbanen eine mythische Dimension verleihen. Sein Arbeitsgebiet ist nicht global, sondern lokal und im Rahmen dieser Ausstellung eben wieder beschränkt auf etwa zehn Blocks rund um sein Atelier."


Nachdem seine unter anderem in Rom, Zürich und Madrid gezeigte Ausstellung "Francis Alÿs. Obra Pictórica 1992-2003" vorwiegend Gemälde zeigte, die er zum Teil bei Reklamemalern in Auftrag gegeben hatte, versammelt die Wolfsburger Schau Videoarbeiten und Installationen, Diaprojektionen, Fotos und Zeichnungen aus den letzten sieben Jahren.


In den "Cuentos Patrióticos" (1997) ist der immer wieder in den Arbeiten von Alÿs auftauchende Zócalo-Platz in Mexico City Schauplatz für eine metaphernreiche Szene: Zunächst sieht man zwei Schafe, die auf dem Platz vor der barocken Fassade der Kathedrale stehen, nach einer Totalaufnahme des Platzes wird die Szene um einen Mann erweitert, der einen Leithammel um den zentralen Flaggenmast führt. Nach jeder Runde kommt ein Schaf hinzu, bis der Kreis geschlossen ist. Nicht nur die offenbare Sinnlosigkeit dieser Aktion wird durch den Loop des Videobandes auf das Absurdeste gedehnt, es erfolgt überdies auch noch ein historischer Verweis auf die Unruhen des Jahres 1968, bei welchen der Platz eine zentrale Rolle spielte. Zur öffentlichen Akklamation der Regierung hatte man abertausende von Beamten auf den Platz bestellt. In einem rebellischen Akt wandten die Staatsdiener der offiziellen Regierungstribüne den Rücken zu und begannen wie Schafe zu blöken.


Die "Cantos Patrióticos" (1999) - die "patriotischen Lieder" - sind von einer traditionellen spanischen Form der Ballade inspiriert und werden von einer Mariachi-Band vorgetragen. Es wird die Geschichte eines Fährmanns an einem Fluss vorgetragen, der in der Mitte des Flusses plötzlich die Orientierung verliert und nicht mehr weiss, ob er vorwärts oder rückwärts fährt, das heisst, ob er zu dem Ufer zurück fährt, von dem er gekommen ist, oder zum anderen. So dreht er sich im Kreis, "entre dos aguas", zwischen zwei Wassern. Nach Alÿs wird jedoch auch dieses "sich im Kreise drehen" zu einer Art Vorwärtsbewegung und spiegelt so auch den Entstehungsprozess der Arbeit.


In "Sometimes Making Something Leads to Nothing (ice) - Part I" (1997) schob Francis Alÿs einen grossen Eisblock einen ganzen Tag lang durch die Strassen Mexico Citys. War der Block am Vormittag noch gross genug, um durch Bücken an ihn heranzureichen, so muss er nach wenigen Stunden bereits mit dem Fuss gekickt werden, bis am Abend um kurz vor sieben nur noch eine kleine Pfütze an seine Existenz erinnert.


Auf dem Zòcalo, dem alten zentralen Platz in Mexico City, faszinierte ihn der weite offene Raum in der überbevölkerten Stadt und inspirierte ihn zur gleichnamigen Arbeit aus dem Jahr 1999. Der Fahnenmast in der Mitte des Platzes erhält bei Alÿs über seine Funktion als nationales Symbol auch noch die Bedeutung einer Sonnenuhr, deren Schatten langsam über den Platz wandert und so den Passanten einen schmalen Streifen Schatten bietet.


"Re-Enactments" gehört zu den subversivsten und politischsten Arbeiten des Künstlers: Im November 2000 machte sich Alÿs mit einer 9 mm Beretta in der Hand und auf den Weg durch die Strassen von Mexiko City - leicht durch seine Körpergrösse als Fremder auszumachen und durch das Attribut der Waffe für Passanten offenbar als Verwirrter oder Krimineller einzustufen. Dieser Streifzug wurde durch ein Video dokumentiert. Nach nur 12 Minuten wurde er von einem Polizisten festgehalten, rekreierte jedoch, nachdem er sich erklärt hatte, mit dem Polizisten die Situation, so dass der Vorgang nochmals auf Video aufgezeichnet werden konnte. Beide Varianten werden parallel projiziert.


"Sleepers" (1997-2002) sind eine Serie von derzeit 3 Diasets à 80 Einzeldias. Die Serie wurde im Jahr 1997 vom Künstler begonnen und wird seither jährlich fortlaufend aktualisiert. Die Bilder zeigen schlafende Menschen und Hunde, die Alÿs im historischen Zentrum Mexiko Citys angetroffen hat. Es handelt sich um Obdachlose, denen jeglicher Rückzug ins Private verwehrt ist. Sogar der intime Akt des Schlafens wird öffentlich, die Gleichsetzung der schlafenden Menschen mit Hunden verweist auf ein Problem der Grossstädte, auf ihre bisweilen menschenunwürdigen und brutalen Lebensbedingungen. Die vollkommen entspannt am Strassenrand lümmelnden Hunde mildern den zunächst brutalen Eindruck jedoch.


Die "Ambulantes" (1992-2002), eine Diaserie, die zwischen 1992 und 2002 entstanden ist, zeigt Träger von Waren, aber auch sogenannte "fliegende Händler" in den Strassen der Megastadt Mexico City. Die Menschen befinden sich unter teilweise abenteuerlich hoch aufgetürmten Bergen unterschiedlicher Produkte, transportieren viel zu grosse Gegenstände oder schieben Zubehör ihrer Geschäfte vor sich her. Die Grossstadt als Ort des Handels und des Tausches wird durch diese "Jongleure" spielerisch vorgestellt. Durch die Improvisation bei ihren Transportproblemen verleihen die Akteure den Strassen eine geradezu folkloristische Note.


Auch die Auseinandersetzung des Künstlers mit der Idee des Sammelns wie im Werk "Collector" (1999-2004) ist für ihn seit über einem Jahrzehnt Thema. Bereits 1991 hatte er einen kleinen magnetischen Metallhund gefertigt, den er hinter sich her durch die Strassen zog. Der Hund zog alles Metallische an bis er vollends mit kleinen Metallobjekten bedeckt war.


Francis Alÿs ist der Gewinner des in diesem Jahr erstmalig verliehenen Blue Orange - Kunstpreises des Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken BVR.


Vom 2. September bis zum 18. Oktober ist der Künstler aus diesem Grunde auch mit einer Ausstellung im Berliner Martin Gropius-Bau präsent.


Die Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg konnte durch die grosszügige Unterstützung der Volkswagen Bank, Braunschweig, realisiert werden.


Zur Ausstellung erscheint eine Publikation mit einem Vorwort von Gijs van Tuyl, einem Text von Annelie Lütgens und einem Interview zwischen Corinne Diserens und dem Künstler. Der Katalog umfasst ca. 160 Seiten mit ca. 80 farbigen Abbildungen


Ausstellungsdauer: 4.9. - 28.11.2004
Oeffnungszeiten: Di 11 - 20 Uhr, Mi-So 11 - 18 Uhr
Montag geschlossen


Kunstmuseum
Porschestrasse 53
D-38440 Wolfsburg
Telefon +49 (05361) 26690
Fax +49 (05361) 266966
Email info@kunstmuseum-wolfsburg.de

www.kunstmuseum-wolfsburg.de




Francis Alÿs
Walking Distance from the Studio



For the artist Francis Alÿs, born in Belgium in 1959 and now living in Mexico City, it is the ephemeral, fleeting and transient phenomena of life on which he founds his artistic work. Originally trained as an architect, his works comprise predominantly of video pieces, slide shows, drawings and paintings. He develops these from situations he encounters on his walks through the streets of Mexico City. His attention is caught, for instance, by a plastic bag wafting through the air or by homeless people asleep; elsewhere he pushes a block of ice through the sweltering streets until it has evaporated, or with his camera he follows the shifting shadow of the flagpole in the middle of the Plaza Major. This approach situates the artist in the tradition of both the Situationists and the Fluxus movement. As its theme, the exhibition in Wolfsburg examines what in his immediate surroundings, in the public and social space of Mexico City moves him.


Gijs van Tuyl has this to say about the artist and his work: "With Francis Alÿs we encounter an artist who has been observing and exploring the anthropological contexts and social situations of Mexico City for almost twenty years; it is on this research that he has based the fables he weaves to invest urban life with a mythical dimension. His terrain is not global but local; and for this exhibition he has again restricted himself typically to an area of some ten blocks around his studio."


Whereas the exhibition Francis Alÿs. "Obra Pictórica" 1992-2003 staged in Rome, Zurich and Madrid showed mainly paintings (those he commissioned billboard painters to execute), the Wolfsburg exhibition is presenting various video works and installations, slide projections, photographs and drawings from the last seven years.


In "Cuentos Patrióticos" (Patriotic Tales; 1997) the Zocólo square in the centre of Mexico City is, as in many of his works, the venue for a richly metaphoric enactment: At first one sees two sheep standing in the square in front of the cathedral's baroque facade. Following a long shot of the square, a man enters the scene leading a whether around the flagpole at its centre. After each round a sheep joins the ram until they make up a full circle. Besides taking the manifest meaninglessness of this activity to absurd lengths, the video's loop is also making a historical reference to the civil unrest in 1968 in which this square played a crucial role. Thousands of state employees were instructed to assemble here to acclaim the new government. As a gesture of rebellion the civil servants collectively turned their backs on the official state tribune and began bleating like sheep.


His "Cantos Patrióticos" (Patriotic Songs; 1999) were inspired by a traditional form of Spanish ballad and are performed by a Mariachi group. The songs relate the story of a ferryman who suddenly loses all sense of direction in the middle of a river and no longer knows whether he is moving forwards or backwards, in other words, whether his boat is heading back to the shore where he came from or is crossing to the other side. So he turns round and round in circles "entre dos aguas", between two waters. But Alÿs depicts this rotation as a kind of forward progression, thereby also echoing the inception and development of this work.


In "Sometimes making something leads to nothing (ice), part 1 (1997)" Francis Alÿs pushed a block of ice a whole day long through the streets of Mexico City. Whereas in the morning the block of ice had still been large enough to touch by barely bending over, several hours later it has shrunk so much that it can be kicked along the street, and shortly before seven in the evening all that reminds us of its existence is a small puddle.


His fascination for the vast open space of the Zocólo, the historical square in the midst of this overpopulated city, inspired him to create an eponymous piece in 1999. Beyond its function as a national symbol, Alÿs sees the flagpole at the very centre of the square also as a sundial, whose shadow gradually shifts around the square and offers passers-by a slender strip of shadow.


"Re-enactments" is one of the artist's most subversive and overtly political works: in November 2000 Alÿs wandered through the streets of Mexico City holding a 9-mm Beretta. Easily identifiable as a foreigner by his height, the weapon in his hand clearly made passers-by think he was mentally deranged or a criminal. Only twelve minutes passed before he was arrested by a policeman; but after he had explained himself he persuaded the policeman to re-enact the scene with him and recorded it on video.


"Sleepers" (1997-2002) is an on-going work that already consists of three sets of eighty slides. The artist began the series in 1997 and has progressively updated it each year. The pictures show people and dogs he encountered sleeping outdoors in Mexico City's historical centre, homeless people deprived of any form of privacy. Even the intimate moment of sleep becomes a public display, while the analogy between sleeping people and dogs highlights a problem that occurs in all cities, the partially inhumane and brutal conditions of life they engender.


"Ambulantes" is a series of slides taken between 1992 and 2002 showing people conveying goods, as well as the so-called hawkers and peddlers who inhabit the streets of this megalopolis. People are seen staggering under perilously high piles of all manner of products, shouldering impossibly large objects or trundling the paraphernalia of their trade before them. The city as a place of trade and exchange is inventively and playfully presented by these "jugglers". The way the protagonists improvise solutions for their transport problems imbues the streets almost with a sense of folkloristic theatre.


For over ten years the artist has also been preoccupied with the phenomenon of collecting, as is shown in his piece "Collector" (2004). In 1991, for instance, he constructed a small magnetic metal dog which he then dragged through the streets. The dog picked up everything made of metal until it was utterly coated in small metal objects.


Francis Alÿs is the winner of the "Blue Orange", an art prize awarded for the first time this year by the Bundesverband der Deutschen Volksbanken and Raiffeisenbanken BVR. Consequently, the artist will also be represented in an exhibition in the Martin Gropius-Bau in Berlin from 2 September until 18 Oktober.


A catalogue accompanying the exhibition will include a preface by Gijs van Tuyl, an essay by Annelie Lütgens and an interview with the artist by Corinne Diserens. The publication comprises some 160 pages with approx. 80 colour photographs.


4 September - 28 November, 2004


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