© Francis Baudevin

Francis Baudevin: Hockey, 2005
Epoxyfarbe, 5,11 x 9 m


Malereiräume

Francis Baudevin
, L/B, Karim Noureldin, Markus Weggenmann


Die Ausstellung "Malereiräume" ermöglicht den Besucherinnen und Besuchern Raumerlebnisse der besonderen Art: Mit den Mitteln der abstrakten Malerei verwandeln die Schweizer Künstler Francis Baudevin, L/B, Karim Noureldin und Markus Weggenmann die Ausstellungssäle im Helmhaus Zürich.


Der älteste Bildträger überhaupt, die Wand, kehrt zurück in die Kunst der Gegenwart: Wandmalerei und Wandzeichnung sind bei Künstlerinnen und Künstlern zur Zeit en vogue. Woran liegt das? Warum sprengen Künstlerinnen und Künstler den Rahmen üblicher Bilder? Warum gehen sie über die einzelne Wand hinaus und nehmen ganze Räume in Beschlag? Warum suchen sie den unmittelbaren Kontakt mit dem Bildträger im Raum? Und warum entwickeln sie eine neue Lust am Vergänglichen - ist doch Wandmalerei (und so auch diese hier) in der Regel eine Kunst auf Zeit? Hat das alles mit einer Entgrenzung der Kunst zu tun, mit dem Bedürfnis, exemplarische Raumerlebnisse zu schaffen? Und was sind das für Raumerlebnisse, weshalb reizt es Künstlerinnen und Künstler, gerade solche Raumerlebnisse zu ermöglichen?


Das Helmhaus Zürich mit seiner klassizistischen Fassade, seinen klar umrissenen Sälen und seinen Postkarten-ausblicken verführt zu einer radikalen Veränderung seiner Innenhaut mit malerischen Mitteln. Das Spektrum an Wandmalerei, das gegenwärtig von Schweizer Künstlerinnen und Künstlern angeboten wird, ist gross: Es reicht von neo-figurativen, gestischen, zeichnerischen bis hin zu abstrakten Haltungen. In der abstrakten Haltung des "hard edge" (des "harten Rands" - einer angloamerikanischen Malereibewegung, die in den 60er- und frühen 70er-Jahren ihre erste Blüte hatte) kommt das Medium der Wandmalerei vielleicht am prägnantesten zum Ausdruck. Eine beschränkte Vielfalt innerhalb der abstrakten Haltung eines "Neogeopop" fächert diese zum einen auf, zum andern lässt sie den einzelnen Künstlern genügend Spielraum.


Die Ausstellung heisst bewusst "Malereiräume" - und nicht "Wandmalerei". Wir haben Künstler ausgewählt, die in der Lage sind, Malerei auf ganze Räume zu beziehen. Insofern ist hier ein spannungsreiches Wechselbad an unterschiedlichen und doch miteinander verwandten Raumerfahrungen zu machen. Man kann die Vergrösserung als mentales Experiment und damit sozusagen eine "umfassende visuelle Provokation" erleben, die sich von den Wänden in den eigenen Augen spiegelt.


Die vier ausgewählten Künstlerpositionen bewegen sich schon längere Zeit (auch) im Bereich der Wandmalerei: Francis Baudevin (*1964, lebt in Lausanne), L/B (Sabina Lang, *1972, und Daniel Baumann, *1967, leben in Burgdorf), Karim Noureldin (*1967, lebt in Lausanne) und Markus Weggenmann (*1953, lebt in Zürich). Die Ausstellung springt vom Boden an die Wände, in der zweiten Etage dann aus den Ecken und schliesslich von einer langen, 23 Meter langen Wand. Und sie ist auch technisch ein Abenteuer: Was geklebt erscheinen mag (die Arbeiten von Baudevin und Noureldin) ist gemalt, und was gemalt erscheint (die Arbeit von Weggenmann) ist - zumindest letztlich - geklebt.


Francis Baudevin ist mit (Wand)-Malereien bekannt geworden, die unter Weglassung sämtlicher Schriftelemente auf vorgefundener Gebrauchsgraphik basieren. In der Ausstellung "Malereiräume" arbeitet er zum ersten Mal am Boden. Und es ist kein Zufall, dass Baudevin somit seine Malerei dort ansetzt, wo man es am wenigsten erwartet: Der Boden ist tabu - der weisse Helmhaus-Boden jedoch eigentlich eine perfekte Grundlage. Francis Baudevin bespielt ihn zweimal ganz unterschiedlich. Im ersten Raum mit einem Emblem, im zweiten mit einem All-over. Das Emblem ist dezentral gesetzt, das All-over weist eine merkwürdige Lücke auf: Es ist der Ort, wo ursprünglich die Schrift ihren Platz hatte.


Das Logo im ersten Saal ist ein unbekannt-bekanntes Logo, ebenso eigenwillig wie traditionsgesättigt: Es ist das Logo der englischen Schuhmarke Dr. Martens. Die luftgepolsterten Schuhe von Dr. Martens, in den 60er-Jahren für Hafenarbeiter, Polizisten und Pöstler entwickelt, wurden zum identitätsstiftenden, kulturellen Symbol für Punks wie für Skins, und später auch für die Anhänger von Gothic und Grunge. "Unabhängig, eklektisch, freigeistig - ein einzigartiger Stil": So wird die Marke Dr. Martens, "stuff of legends", in der Werbung gepriesen. Heute kann man sich fragen, ob dieser subkulturelle Klassiker nicht fast schon eine Antiquität darstellt, ein Zitat der Revolte, der "Bewegung" oder des Hooliganism. Dieses Image kontrastiert merkwürdig mit der abstrakten Formensprache, in der das Logo im Kunstkontext erscheint. "Die Idee und der Geist des Abstrakten sind mir fremd", erklärt der Künstler Francis Baudevin deshalb, "aber was ich am Abstrakten mag, ist sein Inhalt". Seinen Fuss in die Bodenmalerei eines Künstlers zu setzen: Das sei doch alles andere als abstrakt, findet Baudevin.


Zu diesem ambivalenten, (pseudo)-anarchischen "Helikopterlandeplatz" verhält sich die zweite Arbeit konträr: Freundlich und dekorativ prangen die orangen Punkte auf dem Boden. Heiterkeit soll es ausstrahlen, dieses Markenzeichen des Grossverteilers Coop. Dass sich auch hinter dieser Heiterkeit knallharter Markt versteckt, macht die Arbeit von Francis Baudevin zu einem subversiven Stück abstrakter Malerei, das über die Welt der Kunst hinausweist.


© L/B

L/B: Beautiful Wall #14, 2005
Dispersionsfarbe, 4,02 x 61,27 m


Die Arbeit "Beautiful Wall #14" von L/B (Sabina Lang und Daniel Baumann) ist sowohl am Computer - mit einem Architekturprogramm - wie auch am Modell entwickelt worden. Von Zentren, die ausserhalb des Raums liegen, gehen aufgefächerte Strahlenbündel aus, die von freien Radien geschnitten werden. Der Radius der "fein schiefen" (L/B), ungefähr vertikal ausgerichteten Bogenbänder entspricht mit 23,33 Metern fast genau der Raumlänge. Der mit einer Geometrie überlagerte Raum ist somit "ein Ausschnitt aus einer präzisen geometrischen Konstruktion" (L/B). Sie hätten diesen extremen White Cube mit seinem weissen Boden "brechen, stören" wollen. Wer sich von diesem Raum gefangennehmen lässt, kommt nicht umhin, ruhelos nach einem Ordnungssystem zu suchen. Und sowie man eine Ordnung zu erkennen meint, löst sich diese wieder auf. Ein Prinzip lässt sich nicht festhalten, nicht festmachen, immer wieder bricht das vermeintliche System seine eigenen Regeln, und die Parameter werden zu Stolpersteinen.


Konzeptuelle Strenge und aleatorische Beliebigkeit halten sich exakt die Waage. In der Summe der Disharmonien entsteht dann allerdings doch so etwas wie eine latent-labile Harmonie, die ihre widersprüchlich-taumelnde Energie aus der Gegenwart des Augenblicks, aus dem haltlosen, ergebenen Sich-Treiben-Lassen schöpft. Die Bewegung der Kunst überträgt sich auf die Wahrnehmung: Der Betrachter übergibt sich der Bewegung, um aus dieser heraus aktiv wahrzunehmen. Ganz am Ende erst haben die Künstler die Farbtöne bestimmt. Sie spielen auf Sportdesign an, es seien "Yachtfarben", sagen L/B, "eigentlich hässliche Farben". Irritierend ist die Kombination der drei Buntfarben Gelbgrün, Türkis und Violett mit der Fleischfarbe und den drei Grau/-Schwarztönen. Letztere geben den Rhythmus an in einem Raum, der in mehrfach gebrochenen Schwingungen über sich hinausweist.


© Karim Noureldin

Karim Noureldin: Sunset, 2005
Acrylfarbe, 10,47 x 11,11 m


Karim Noureldin hatte die schwierigste Ausgangslage von allen: Er sah sich mit zwei relativ unruhigen, normalerweise von zahlreichen Türen und Fenstern durchsetzten "Durchgangsräumen" (Noureldin) konfrontiert. Mit architektonischen Massnahmen hat Noureldin diese Unruhe nur teilweise eliminiert. Dadurch, dass seine Arbeit sich dynamisch aus den Ecken heraus entwickelt, rückt die räumliche Unruhe aber in den Hintergrund. Die Ecke, dieser Unort: Er wird zum Zentrum der Arbeit. Noureldin sprengt die Ecken mit signalhaften Pfeilen, mit dezidierten Keilen. "Widersprüchlich" weisen sie einen in unterschiedliche Richtungen - jedenfalls raus aus der Ecke.


Gibt es einen Ort, von dem aus diese Arbeit in Ruhe zu betrachten ist? Kaum. Wie in einem Flipperkasten wird das Auge ruhelos in den Räumen umhergejagt, herumgespickt - und ferngehalten vom Ort, wo es Ruhe gäbe: von den dunklen Ecken selbst. Man muss sich diesen Ecken in aller Nähe anvertrauen, um selber Subjekt dieser dynamischen Extension, dieser explosiven Veräusserung zu werden, und um einzugehen in die unendliche Tiefe dieses Schwarzblaus: als ob mit der dynamischen Formensprache Raum geschaffen würde für das Eigentliche, Verletzlich-Geborgene, Schützenswert-Intime.


Wie ein Echo antwortet der eine Raum Noureldins auf den anderen. Wo die Ecken leer bleiben, verweist der Raum auf sein Alter ego. So entsteht in dieser "Umsetzung einer Zeichnung" (Noureldin) eine gedankliche Klammer, die die räumlichen Verhältnisse überwindet. Die Kanten von Noureldins Malerei sind messerscharf. Wie eine Glanzfolie steht die in vier Schichten aufgetragene Acrylfarbe auf der Wand. Die Formen jedoch sind nicht arithmetisch berechnet. Die fiktive Mittellinie zum Beispiel liegt nicht überall gleich hoch, was den Betrachter, der gleichsam in einer überdimensionierten, auf seine eigene körperliche Massstäblichkeit vergrösserten Zeichnung umherwandelt, zu einem feinen Austarieren seines Verhältnisses mit der Formensprache des Werks animiert. Mal sind es zwei Keile, mal drei, mal vier. "Logik interessiert mich nicht", sagt Noureldin. Er setzt sich der Herausforderung bewusst aus, die Arbeit nach einem Modell mehr oder weniger freihändig auf die Wand zu zeichnen. Seine Arbeit gewinnt dadurch ihre Lebendigkeit, ihre unwiderstehliche "instantanéité".


Markus Weggenmann nennt seine Arbeit provokativ "Gemälde (Blow up) Nr. 215". Ein Widerspruch zwischen Tradition und Gegenwart (vielleicht müsste man sagen: Zukunft) spricht aus dieser Bezeichnung. Weggenmanns Arbeit geht von einem "konventionell" mit Leimfarbe auf Papier gemalten, 1.5 m langen Bild aus. Dieses Bild wurde digital fotografiert und am Computer vektorisiert, um bei der Vergrösserung die Sichtbarkeit der Pixel zu verhindern. Die endgültige Farbwahl geschah erst am Computer. Schliesslich wurde das gigantische Computer-File in 1.3 m breiten Bahnen auf eine hauchdünne Kunststofffolie ausgedruckt, die nass auf die abgeschliffene Wand aufgezogen wurde.


Direkt auf die Wand zu malen, konnte sich Weggenmann zunächst nicht mehr vorstellen. Der mediale Transfer gebiert nun ein merkwürdiges, einerseits sehr persönliches, anderseits anonymisiertes Artefakt. "Was unterscheidet es von Fotografie?", fragt der Künstler. Wird dadurch die Malerei in ein anderes Medium gerettet? Ist das noch Malerei, oder ist es nur Abbildung, Abstraktion von Malerei? Oder ist es - in der Dekonstruktion und im Blossstellen des Mediums - erst recht Malerei? Durch die Vergrösserung und den Medientransfer werde die Formensprache eindeutiger, meint Weggenmann. Jegliche malerische Textur ist eliminiert. Was bleibt, sind "abgeplattete Würste", die in ihrer räumlichen Anordnung die illusionären Kräfte der Malerei thematisieren. "Ich beobachte mich beim Malen; und lasse ein Bild ausführen, um mich von neuem beobachten zu können", erklärt Weggenmann. Aber so "selbstreflexiv" diese Malerei ist: Letztlich erhält sie sich eine enorme Frische in ihrer dreisten, vegetabilen Körperlichkeit, in ihrer fast naiven, mutigen Lust, etwas von sich zu zeigen. Wobei sie vielleicht dann doch nur exakt so viel zeigt, wie sie verbirgt.


Simon Maurer, Kurator Helmhaus


Ausstellungsdauer: 29.4. - 19.6.2005
Öffnungszeiten: Di-So 10 - 18 Uhr, Do 10 - 20 Uhr


Helmhaus Zürich
Limmatquai 31
8001 Zürich
Telefon 044 251 61 77
Fax 044 261 56 72

www.helmhaus.org


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