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Brigitte Friedlos: Begegnungen der dritten Art

von Edith Krebs

„Die Badewanne steht und liegt zugleich. Im See.» So lautet der Titel einer Aussenrauminstallation, die Brigitte Friedlos im Juni 2001 am Zürichsee, in der Seeanlage Pfäffikon/SZ, gezeigt hat. – Eine Badewanne im See? Schlicht absurd mutet die Vorstellung an. Vorsicht Glatteis! müsste die Warnung lauten, denn mit dem Verstand allein ist dieser eigenwilligen Konstellation nicht beizukommen. Schüchterne Versuche in diese Richtung entpuppen sich alsbald als böse Rutschpartien. Sicherlich, Baden als verbindendes Element zwischen zweckorientiertem Hygieneobjekt und natürlichem Gewässer, auf diesen Gedanken kommt man schnell. Gegensätze wie Natur und Kultur drängen sich auf, doch scheinen sie in ihrem strikten Dualismus weit entfernt davon, das Assoziationsfeld dieses widerborstigen Arrangements auszuschöpfen. Die Wege, auf die uns die Künstlerin locken will, sind alles andere als gradlinig. Hier sind unsere Sinne gefordert und Intuition gefragt. Und so setzen wir uns denn geduldig auf die Parkbank am See und betrachten dieses eigentümliche Objekt einmal ganz genau. Ein metallener Grenzpunkt auf der Brüstung zeigt die schnurgerade Luftlinie zwischen der Insel Ufenau vor uns, der Badewanne und dem Etzel hinter uns an. Doch unberührt von solch rationalen Spekulationen schickt sich die Wanne an, uns einen zweiten Streich zu spielen. Nicht sanft schaukelnd wie ein Boot (so hatten wir uns das eigentlich vorgestellt), sondern völlig immobil thront das fleischfarbene Ding von Wellen umspielt auf der Oberfläche des Sees. Wie wäre wohl erst das Gefühl, in diesem weder Wanne noch Boot-Objekt zu sitzen und physisch die Abwesenheit des Schaukelns zu spüren? Unwiderstehlich entfaltet die Badewanne ihre suggestive Kraft. Also kleiden wir uns in Gedanken aus, wie es die ebenfalls fleischfarbene Umkleidekabine als weiterer Teil der Gesamtinstallation diskret evoziert, und steigen nackt auf die bankartige Betonbrüstung, wo in weiser Voraussicht einige Badematten liegen. Ein kühner Kopfsprung und wir tauchen ein ins kühle Nass, um uns zielstrebig dem Objekt der Begierde zu nähern. Tatsächlich, mit einem Pfahl ist die Wanne im Seeboden verankert. Nur knapp gelingt es, einen Blick ins Wanneninnere zu werfen. Dort blubbert in regelmässigen Abständen Wasser durch den Ausguss hoch und formt für Sekunden den sich angesammelten Sand in ein körperähnliches Gebilde mit Gerippen und der Andeutung eines Kopfes. Ein faszinierend flüchtiges, süchtigmachendes Bild. Taumelnd kehren wir schliesslich ans sichere Ufer zurück – und plötzlich verstehen wir vollkommen, was das heissen soll: Die Badewanne steht und liegt zugleich. Im See.

Fast noch surrealer als die Badewanne im See präsentiert sich die zweite Installation mit dem Titel „queren“. Drei Tafeln in Metallrahmen, wie wir sie von Strassenschildern kennen, erzählen uns eine irritierende Geschichte. Auf der ersten Tafel ist – in einer Art Verdoppelung – das dreieckige Warnschild mit der Darstellung eines springenden Hirsches reproduziert, das uns auf Wildüberquerungen aufmerksam machen will. Die zweite Tafel zeigt eine Uferszenerie mit zwei
roten Bänken, einem Abfalleimer und einem parkierten Lieferwagen mit offener Tür. Auf der einen Bank steht die Künstlerin in einer Position, als wolle sie über die Rückenlehne in den dahinter
liegenden Tümpel springen. Doch wehe, wer von der dritten Tafel eine Antwort erwartet: „Der Hirsch hebt seinen Kopf zum Himmel. Ich nähere mich dem Hirsch im Auto. Ich bin im kurzen Tunnel. Oben steht der Hirsch. Er wird auch morgen noch da stehen. Er ist montiert. Im Rückspiegel entschwindet der Hirsch.“ Im Gespräch erzählt die Künstlerin, wie sie auf einer Fahrt über ein Hochmoores plötzlich auf offener Strecke einen Tunnel vor sich sah. Tunnels, so sind wir uns gewohnt, durchqueren einen Berg. Was also soll ein Tunnel ohne Berg? Des Rätsels Lösung ist der Hirsch – und der Mensch. Nachdem letzterer immer mehr Wildreviere durch Strassenbau zerschnitten hat, dämmerte es ihm endlich – nicht zuletzt zahlreicher Unfälle wegen –, dass Wildtierpassagen das Problem zumindest mindern könnten. Denn Einzäunungen, das haben Erfahrungen gelehrt, lassen die Wildtierpopulation drastisch schwinden. So finden sich immer häufiger solch künstliche Übergange, die die Mobilität sowohl von Mensch als auch Tier gewährleisten. Ihre Irritation über diese kuriose Passage hat Brigitte Friedlos in „queren“ – diesem verwirrlichen Hirsch-Mensch-Plot – umgesetzt, und dabei auf verblüffende Weise Realität, Repräsentation und Imagination kurzgeschlossen.

Dinge an unerwarteten Orten, bizarre Konstellationen, Begegnungen der dritten Art – das ist der Stoff, aus dem die Künstlerin schöpft. So kann ein Perserteppich, liebevoll auf einem Tiefgaragenparkplatz ausgelegt, ihre Aufmerksamkeit fesseln. Oder sie durchquert des Nachts das Gelände eines Autooccassionhändlers, der – offenbar zu verkaufsfördernden Zwecken – sein schönstes Modell mit einer sexy Schaufensterpuppe bestückt. Erst auf den zweiten Blick wird ersichtlich, dass der Puppe, aus Platzmangel wahrscheinlich, die Beine amputiert wurden. Um trotzdem eine angemessen Sitzhaltung zu garantieren, hat der frivole Händler eine Kartonschachtel aufgetrieben; auf der die zerstückelte Puppe nun stoisch ruht. Das kann man, je nach Geschmack, schräg oder auch ziemlich pervers finden. Mitunter aber bricht in solchen Situationen die ästhetische Distanz ein: Dann geht ein Ruck durch den Körper, der Verstand setzt aus, der Puls stockt. Solche Ver-rückungen zu provozieren, das ist das Ziel vom Brigitte Friedlos’ Kunst. Und plötzlich sieht man die Welt mit anderen Augen.
 

Choice of Work Title of Work

Grund [Nahrungsaufnahme], 2010, C-Print, 45x56.5cm

Grund [Sichtung], 2010, C-Print, 45x56.5cm

von innen betrachtet, 2010, C-Print, 45x38cm

von aussen betrachtet, 2010, C-Print, 45x38cm

meeting point [bench], 2009, C-Print, 10x15cm, vierteilig

meeting point [bench], 2009, C-Print, 10x15cm, vierteilig

meeting point [bench], 2009, C-Print, 10x15cm, vierteilig

meeting point [bench], 2009, C-Print, 10x15cm, vierteilig

meeting point [wall], 2009, Installation, Ansicht Atelier Rote Fabrik, Zürich

showcase wolf, 2007, C-Print, 30x45cm

where a machine stood for years [straightener], 2007, C-Print, 110x165cm

where a machine stood for years [punch press], 2007, C-Print, 165x110cm

Ahnungen zu geortet, 1999, C-Print, 30x45cm, fünfteilig

Ahnungen zu geortet, 1999, C-Print, 30x45cm, fünfteilig

Ahnungen zu geortet, 1999, C-Print, 30x45cm, fünfteilig

Ahnungen zu geortet, 1999, C-Print, 30x45cm, fünfteilig

Ahnungen zu geortet, 1999, C-Print, 30x45cm, fünfteilig

Die Bäume sind weg. 2006, Video

heading a mattress, 2000, C-Print, 30x45cm

coexistence, 2005, C-Print, 30x45cm

queren, 2001, Aussenrauminstallation, Symposium am Zürichsee, Pfäffikon/SZ

presentiments of coexistence, 2005, C-Print, 30x28cm

presentiments of coexistence, 2005, C-Print, 30x45cm

simultaneous, 2000, C-Print, 30x45cm

for hair without discipline, 2004, C-Print, 20x30cm, vierteilig

for hair without discipline, 2004, C-Print, 45x30cm, vierteilig

for hair without discipline, 2004, C-Print, 45x30cm, vierteilig

for hair without discipline, 2004, C-Print, 20x30cm, vierteilig

truck body [enter #6], 2003, C-Print, 90x134cm, New York

truck body [clear #3], 2003, C-Print, 90x172cm, New York

truck body [enter #6], truck body [clear #3], 2003, C-Print, Installationsansicht Galleria Laurin, Zurich

the moving dress, 2003, Video, Teil der Installation "the moving dress", New York

the moving dress, 2003, Videoinstallation, New York

amischlitten, 2003, C-Print, 30x45cm, New York

Die Badewanne steht und liegt zugleich. Im See. 2001, Aussenrauminstallation, Symposium am Zürichsee, Pfäffikon/SZ

Installation in Bezug zu Insel Ufenau und Anhöhe Etzel

Eine Umkleidekabine steht an Land. Badematten liegen beim Grenzpunkt zwischen Land und Wasser. Die Badewanne steht und liegt zugleich. Im See.

circle, 2003, Installation, Studio New York

farsightedness, 2006, C-Print, 30x45cm

Blutrauschen, 1998, Innenrauminstallation mit Bezug zum Aussenraum, Kulturzentrum Scuol/Nairs

Die Wand hat eine Beule. 2006, Projektion, entstehende und schwindende Text-Rauminstallation, Installationsansicht

Badesee offen [downstairs], 2008, Video

outside of the inside, 2005, C-Print, 30x45cm

5955 feet, 2004, Video, Maloja

5955 feet, 2004, Video-Rauminstallation, Installationsansicht

undercover, 2002, Video-Rauminstallation, Installationsansicht Kunstmuseum Luzern

blinking police car, 2003, Video, New York

Movies Movietype and Size
Film: Badesee offen [downstairs], 2008 quicktime, size 2084 kb


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