© Andrea Rist


Andrea Rist
Walk me home


Ein weisser Telefonhörer ohne Verbindungsschnur liegt im trockenen Laub, hört und spricht in die Erde hinein. Fast lakonisch hat Andrea Rist das nutzlos gewordene Kommunikationswerkzeug, ein Objet Trouvé aus dem Victoria Park in Edinborough ins Zentrum des Bildes gesetzt, in eine neue Bedeutung. Der anteilnehmend beobachtende Blick auf den im nasskalten Herbstlaub versinkenden Telefonhörer gehört zu den kleineren Formaten einer neuen mehrteiligen Bild-Assemblage, mit der die Künstlerin ein assoziatives Netz von möglichen Bedeutungen und atmosphärischen Impulsen aufbaut.

Im Zentrum der Bildergruppe steht der grossformatige, in Rot getauchte Blick auf einen geschlossenen Bühnenvorhang mit geschweifter Balustrade, umringt unter anderem von der Ansicht eines seltsam unwirklichen nächtlichen Wartehäuschens aus Glas und weissen Metallstreben, dem Bild einer weiblichen Hand, die ein Butterbrot mit Marmelade bestreicht und einem Stück graublauen Toilettenpapier, das aus dem Spender herausquillt. Die fotografische Imaginationsenergie ist zielstrebig/ziellos unterwegs, sie will etwas finden, intuitiv, sie wünscht sich gefundene Bildchiffren, schwebend zwischen profanem Alltag und artifizieller Inszenierung. So wie beim grossen Format, das den Bahnhof von Florenz in extremer Ueberblendung zeigt, diffundierend im weissen Licht. Oder wie die bläulich und lilaweiss leuchtenden Krokusse die in rituellen Kreisen den nächtlichen Baumstamm umtanzen. Unplanmässige Bildfindungen, in denen sogar ein technischer Fehler die eigentliche Suggestionskraft des Bildes überhaupt erst erzeugen kann, so wie in dem nächtlichen Ansicht von Glasgow, wo ein überblendendes Rotlicht im Bildvordergrund zum pulsierendem Punktum und zum sensorischen Wärmepunkt im Zentrum der nächtlichen Szenerie wird.

"Ich möchte Bilder finden oder erfinden. Ich will Bilder sammeln. Die Erinnerung reicht nicht, Gefühle die zur Zeit der Bildfindung da waren, müssen wieder auftauchen. Das Bild des Telefonhörers steht auch für eine Isoliertheit, oder für das kalte Wetter das damals in Edinborough herrschte. Durch die Fotografie mache ich Dinge bildwürdig, die für andere Leute unbedeutend oder armselig sind."

Die äusserst subjektive fotografische Projektionskraft von Andrea Rist, die vor zwei Jahren ihr Studium an der Hochschule für Gestaltung abgeschlossen hat richtet sich vormehmlich auf Innenräume, Landschaften, Architektur. An Portraits will sie sich erst noch versuchen, Menschen sind bei ihr selten zu sehen, oder wenn, dann höchstens fragmentarisch, so wie in der mehrteiligen Polaroid-Serie, wo Rist zwischen 1999 und 2002 immer wieder die SX 70 mit ausgestreckten Armen vor ihren Bauch hält und möglichst genau auf die Mitte ihres Körpers zielt und wo sich dann die sinnliche Aufladung in den Stofffalten oder auch nur im weichen Korn der polaroidspezifischen Unschärfe versteckt und verkleidet. Aehnlich wie die tropische Suggestion in den Schemen vor und hinter den beschlagenen Scheiben im Pavillon des Botanischen Gartens von Zürich.


(Text: Patrick Frey)


Ausstellungsdauer: 17.12.2002 - 8.2.2003
Öffnungszeiten: Di-Fr 14-18 Uhr, Sa 11-16 Uhr


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