© Anna Weber

chez Matisse, 2004
Inkjetprint, 71 x 96 cm


Anna Weber


In der Halle des Pariser Musée d'Orsay stehen steinerne und bronzene Gestalten auf Sockeln. Die einen in sitzender Haltung sinnend oder als Figurengruppe posierend, die anderen liegend hingestreckt oder auf dem Pferd durch die Menge reitend. Um sie herum bewegen sich schlendernd, in leise Gespräche vertieft und von Zeit zu Zeit stehen bleibend die Besucherinnen und Besucher des Museums. Sie steigen langsam über die gestuften Ebenen der Halle die Treppen herunter, bewegen sich quer dazu auf die hohen Durchgänge zu, kommen die seitlichen Rampen hinunter oder gehen im Hintergrund langsam auf der Galerie des Obergeschosses vorbei.


Es ist ein gemächliches Geschehen, das aus einer Distanz aufgenommen ist, die visuelle und auditive Einzelheiten zurücktreten lässt zugunsten des Tableaus. Die beinahe unbewegte Kamera sucht die verschiedenen räumlichen Ebenen nicht zu gliedern, sondern präsentiert das Ineinander von Wandabstufungen, Sockeln, Plastiken und sich dazwischen bewegenden Menschen als flächige Komposition. Der grosse Plasmabildschirm der Videoinstallation "site - situation" (2004) mit den Proportionen von 16:9, der sich von der Wand nur noch abhebt wie ehedem ein stattliches Gemälde, besitzt einen dunklen Rand, der das Geschehen vergleichbar einem Leinwandbild rahmt.


Die Bezeichnung "Tableau", die Anna Weber für die einzelnen Videosequenzen verwendet, stellt unmissverständlich die Beziehung her zur langen Tradition der französischen Malerei und ihrer unter dem Begriff der "Peinture" diskutierten glanzvollen Beispiele. Es verwundert daher nicht, dass die Künstlerin auch in ihrer Beschreibung der Videoinstallation "wind still" mit fünf Überwachungsmonitoren aus dem Jahr 2002 von kaum bewegten "Stilleben" spricht. In "site - situation" heben zwischen die einzelnen Videosequenzen geschnittene, bildschirmfüllende monochrome Sequenzen die Bindung der bewegten Aufnahmen in die Fläche noch massgeblich hervor.

Im zweiten Teil der Installation, der die bunten Schirme eines Pariser Marktes von oben zeigt, die dazwischen zirkulierenden Menschen und unablässig dahingleitende Fahrzeuge einer angrenzenden Autobahn, verbinden sich diese monochromen Sequenzen mit den Marktschirmen noch einheitlicher als im ersten Teil zu einer bewegten Flächenkomposition. Diese vollzieht sich in fortgesetzt zeitlichem Prozess und schliesst lineare ebenso wie zeitlich vielschichtigere Formen (beispielsweise der erinnerten Farbwahrnehmung) ein. Dagegen treten beim Betrachten eines Gemäldes die einzelnen Bildelelemente in immer wieder neuen Konstellationen, die sich innerhalb des Wahrnehmungsapparates zeitlich formieren, zueinander und auseinander.


In der Fotografie - dem Medium, das sich Anna Weber anschliessend an die Beschäftigung mit figürlicher Malerei aneignete - verbindet die Künstlerin kompositionelle und motivische Verfahren, die sie aus der Kenntnis der Malereitradition wie aus ihrer Videoarbeit bezieht. Die Fotoserie "dessins/arbres" (2003/2004), die ebenso wie die Videoinstallation während eines mehrmonatigen Aufenthaltes in Paris entstanden ist, zeigt Aufnahmen von Bäumen in städtischen Strassenalleen und Parks.


Kühles winterliches Licht reflektiert auf den hellen Stämmen und Ästen von Birken und Platanen. Es bildet Flecken neben hell beschienenen Mauerteilen und silbern durch feines Astwerk schimmerndem Himmel oder einer weisslich das Licht abstrahlenden Fahrbahn. Im Französischen bedeutet der Begriff "dessin" zugleich Zeichnung und Muster, und er wird von Anna Weber eingedenk dieser doppelten Bedeutung benützt. Und wirklich, die Äste und Zweige überziehen die Fläche mit feinsten Linien, die ein dichtes Gespinst bilden, sich als Schatten abzeichnen und der räumlichen Tiefe vorgelagert sind. Wieder ist es ein abbildendes Verfahren der künstlerischen Tradition, die Zeichnung, die Anna Weber einsetzt, um in einem elektronischen Medium - hier der digitalen Fotografie - zum Bild zu gelangen. Sie zeichnet dabei nicht selbst, sondern hält Bildausschnitte fest, deren feine, lineare Einzelelemente durch Überschneidung mit dem Bildrand vor den Grund gespannt sind.


Eine Seite von Anna Webers künstlerischer Arbeit, die in Videoinstallation und Fotoserie zugunsten der formalen Einheit ausgeschieden wurde, ist in der Fotografie "chez Matisse" von 2004 gegenwärtig und vermittelt deren konzentrierte Kraft. In einen nicht sofort nachvollziehbaren Bildraum sind mehrere Figuren eingefügt: Zwei uniformierte Wächter in der Arbeitspause vor Spiegelstellwänden, in denen weitere rätselhafte Raumteile verzerrt erscheinen. Die beiden sind von einem üppigen Intérieur mit Kamin und Marmortisch nicht richtig zu scheiden. Erst bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass das Intérieur einer schwarzweissen Fotografie zugehört, die mittels Ösen in einen Metallrahmen gespannt ist, und dass diese eine weitere provisorische Wand bildet.


Von rechts blickt zudem ein etwas verschwommen gemalter, älterer Herr mit Brille, schemenhaft und verzerrt reflektiert auch er, auf die Szene der ruhenden Wächter: Matisse. Das Bild gehört zu den von Anna Weber "komplizierte Bilder" genannten Fotografien. Realer Raum, reflektierter Raum als Bild und Bildraum sind kaum voneinander zu scheiden und sind auf der Bildfläche vereinigt. Diese Fotografien sind jedoch nicht nur komplex aufgrund der formalen Anlage und der Dichte an Verweisen. Sie halten fest, worauf hin der Bildraum angelegt und jede darin befindliche Einzelheit geordnet ist: Momente eines eigentümlichen Geschehens zwischen Menschen.


Irene Schubiger


Unterstützt durch: Bundesamt für Kultur, Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige Basel, Ernst Göhner Stiftung, Lotteriefonds Basel-Stadt, Migros-Kulturprozent


Ausstellungsdauer: 15. - 23.5.2004
Die Ausstellung ist geöffnet am 16./22./23. Mai 2004,
13 - 17 Uhr


Tweaklab
Hüningerstrasse 85
4056 Basel
Telefon 061 386 98 28
Fax 061 386 98 38
Email mail@tweaklab.org

www.tweaklab.org