© Jeff Wall

Untitled (Overpass), 2001
Grossbilddia in Leuchtkasten, 229 x 290 cm
© Jeff Wall


Jeff Wall
Photographs 1978 - 2004



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Die dritte Ausstellung im Schaulager ist dem Schaffen des kanadischen Künstlers Jeff Wall (geb. 1946) gewidmet. Seit 1978 hat Jeff Wall rund hundertzwanzig fotografische Bilder geschaffen, eine für einen Fotografen nicht sehr grosse Zahl. In Basel werden davon ungefähr siebzig Arbeiten aus allen Schaffensperioden zu sehen sein. Einige dieser Arbeiten sind schon jetzt Ikonen der zeitgenössischen Fotografie. Andere sind selten gezeigt und wenig bekannt. Und einige werden überhaupt das erste Mal ausgestellt.


"Jeff Wall. Photographs 1978-2004" ist die bei weitem umfangreichste Ausstellung, die von diesem Künstler bisher zu sehen war. Erstmals bietet sich die Möglichkeit, das langjährige Schaffen dieses Künstlers in seiner ganzen Breite und Eigenart zu erleben. Die Ausstellung zeigt, wie in diesem Werk über die Jahre hinweg - jenseits der technischen Erweiterungen - ein Bildkonzept Form angenommen hat, das Jeff Wall in Anspielung an Charles Baudelaires Diktum über Monet als "Malerei des modernen Lebens" bezeichnet hat. Ein Bildkonzept allerdings, das hundert Jahre später unter völlig anderen Bedingungen und mit der Sprache der Fotografie entwickelt wird.


Jeff Walls Farbfotografien präsentieren sich nicht wie herkömmliche Fotografien, sondern als grosse leuchtende Bilder. Tatsächlich handelt es sich bei seinen Werken um Diapositive im Grossformat, die in Aluminiumkästen montiert und von hinten beleuchtet sind; seit 1996 entstehen daneben auch grossformatige Schwarzweissfotografien. Die direkte Wirkung des Lichtes in Kombination mit dem Format erzeugt eine geradezu magische Präsenz. Erst allmählich wird deutlich, dass in Kontrast zu den verheissungsvoll leuchtenden Oberflächen auf sehr vielen Bildern unspektakuläre Szenen, meistens aus dem städtischen Alltag, dargestellt sind. Es sind fotografische Bilder von eindringlichem Realismus und atmosphärischer Dichte, die zur Neubewertung des Mediums als eine der Malerei und Skulptur gleichwertige Kunstgattung entscheidend beigetragen haben.


In der Konzentration auf die Darstellung des zeitgenössischen Alltagslebens reihen sich die Arbeiten von Wall in eine Tradition ein, die vor über hundert Jahren gemeinsam von der Malerei und Fotografie aufgenommen worden war. Insbesondere die Fotografie führte den Anspruch einer unmittelbaren Darstellung der eigenen Gegenwart weiter, womit damals die industrialisierte Gesellschaft und ihre Auswirkungen auf das Leben der Einzelnen gemeint waren. In ähnlicher Weise fokussiert Jeff Wall auf die Darstellung seines eigenen Alltags, den er in einer sehr spezifischen, intensiv-beiläufigen Weise, erkundet. Dabei ist seine Heimatstadt Vancouver, die Hauptstadt der kanadischen Provinz British Columbia - im Vergleich zu den Metropolen Paris, Berlin und New York - geradezu exemplarisch geeignet, Schauplatz für die "neue Gegenwart" einer spätindustriellen und multikulturellen Gesellschaft zu sein.


Vor diesem Hintergrund ist Jeff Walls Beschäftigung mit der Geschichte und den Darstellungskonventionen der Fotografie folgerichtig, ebenso wie seine Auseinandersetzung mit dem Film und der Malerei des 19. Jahrhunderts, insbesondere mit der Malerei von Manet, die noch vor der Fotografie den Weg zur "Peinture de la vie moderne" eingeschlagen hatte.


Auf dieser Grundlage erarbeitet Jeff Wall sein neues, zeitgenössisches Bildkonzept. Er experimentiert mit den von der Malerei und Fotografie bereitgestellten Mitteln. Auf der Suche nach der glaubhaften Darstellung des alltäglichen Lebens entfaltet sich seine Bildsprache in einer offenen Balance zwischen den beiden Möglichkeiten der dokumentarischen Aufnahme und der cinematografischen Inszenierung. Dabei verlagert sich seit Mitte der 90er Jahre das Gewicht von der cinematografischen Fotografie auf die dokumentarische oder dokumentarisch wirkende Darstellung.


Kennzeichnend für alle Bilder von Jeff Wall, ob sie nun cinematografisch oder dokumentarisch sind, ist die Haltung, die in ihnen immer klarer zum Ausdruck kommt. Diese Bilder moralisieren nicht, überhaupt vermitteln sie keine feste Bedeutung, betonen vielmehr deren Instabilität. Bei aller bildhaften Vollkommenheit und gesättigter Präsenz sind es im Grunde Fragmente von grosser Offenheit. Faszinierend an diesen Bildern ist, dass jedes eine ganz besondere und einmalige Geschichte zu enthalten scheint, die bei aller Vertrautheit fremd bleibt.


Die vom Schaulager konzipierte Ausstellung wird im Anschluss an Basel in reduzierter Form in der Tate Modern in London gezeigt. Zur Ausstellung erscheint ein Catalogue Raisonné, der alle seit 1978 entstandenen Werke von Jeff Wall abbildet und kommentiert (Steidl Verlag, Göttingen).


Ausstellungsdauer: 30.4. - 25.9.2005
Oeffnungszeiten (nur während der Ausstellung):
Di-Fr 12 - 18 Uhr, Do 12 - 19 Uhr, Sa/So 10 - 17 Uhr


Schaulager
Ruchfeldstrasse 19
4142 Münchenstein / Basel
Telefon +41 (0) 61 335 32 32
Fax +41 (0) 61 335 32 30
Email info@schaulager.org

www.schaulager.org


Das Schaulager ist eine neue Art von Raum für Kunst, und ist weder Museum noch traditionelles Lagerhaus. Sammlungen von zeitgenössischer Kunst müssen mehr sein als rein statische Magazine. Sie müssen eine aktive Rolle spielen in unserem Verständnis und unserer Wertschätzung von Kunst. Das Schaulager ist das Zuhause der nicht ausgestellten Werke der Sammlung der Emanuel Hoffmann-Stiftung. Hier wird jedes einzelne Werk, jedes Objekt und jede Installation permanent sichtbar sein. Das Schaulager ist aber auch ein einzigartiger Ort, an dem man Kunst anders sieht und über Kunst anders denkt. Ein Ort, an dem die Sammlung zum Ausgangspunkt von Kreativität und Aktivität, von Lernen und Vergnügen wird.




Jeff Wall
Photographs 1978 - 2004



Schaulager's third exhibition is dedicated to the work of the Canadian artist Jeff Wall (born 1946). Since 1978, Jeff Wall has produced around one hundred and twenty photographs, which is not an especially large number for a photographer. In Basel approximately seventy of these works will be shown, from all phases of his creative life. Several of these works are already icons of contemporary photography. Others are rarely exhibited and little known. And several are exhibited for the first time ever.


"Jeff Wall. Photographs 1978-2004" is the largest exhibition of this artist's work thus far. It presents the first opportunity to experience the full range and distinctiveness of the artist's creative work produced over a period of many years. The exhibition shows how his oeuvre has for years - apart from the technical advances - given form to a pictorial concept that Jeff Wall has called, in allusion to Charles Baudelaire's dictum on Monet, the "painting of modern life". It is a pictorial concept, however, that was developed a hundred years later, under completely different circumstances, using the formal language of photography.


Jeff Wall's colour photographs are not presented like traditional photographs, but like large, luminous images. His work consists of large-format colour transparencies, mounted in aluminium boxes and illuminated from behind; since 1996, the artist has also produced large black-and-white photographs. The direct effect of the lighting in combination with the scale accounts for the almost magical presence of Jeff Wall's images. Only gradually does it become apparent that - in contrast to the promise of the illuminated surfaces - the subject matter often consists of unspectacular scenes, most of them from ordinary urban life. They are photographs of urgent realism and atmospheric density that have contributed decisively to a re-evaluation of the medium as an artistic genre on a par with painting and sculpture.


The focus on representing scenes of contemporary everyday life places Wall's oeuvre in the context of a tradition initiated over one hundred years ago by both painting and photography. Photography in particular claimed to show an unfiltered representation of the present, which, in those days, meant industrialised society and its effect on the life of the individual.


Similarly, Wall chooses to concentrate on the everyday life he encounters, exploring it with a very specific, intensely casual way. His native city, Vancouver, the capital of the Canadian province of British Columbia, ideally illustrates - in comparison to major cities like Paris, Berlin and New York - the "new presence" of a late industrial and multicultural society. Against this background, Jeff Wall's investigation of the history and conventions of photography as medium of depiction makes perfect sense, as does his study of film and nineteenth-century painting, especially Manet, who pioneered the peinture de la vie moderne prior to the advent of photography.


On this basis Jeff Wall constructs his new, contemporary pictorial concept. He experiments with the means offered by painting and photography. His search for a credible means of representing everyday life has led to a visual idiom in an open balance between the twin possibilities of the documentary photograph and the cinematographic staging. In the mid-nineties, the emphasis shifted from cinematographic photography to documentary or faux-documentary photography.


Whether cinematographic or documentary, the attitude that informs all of his photographs with increasing clarity is the same: They have no moral pretensions; indeed, they do not communicate a fixed meaning, but rather emphasise its ambiguity. For all their visual perfection and saturated presence, they are in essence fragments that leave things open. What makes them so fascinating is that each picture seems to tell a very special and unique story, but one that remains alien for all its familiarity.


The exhibition was organised by Schaulager, and after being shown in Basel it will be exhibited, in reduced form, at the Tate Modern in London. A catalogue raisonné is being published on the occasion of the exhibition that will illustrate and comment on all of Jeff Wall's work since 1978 (Steidl Verlag, Göttingen).


Exhibition: April 30 - September 25, 2005
Opening hours: Tues-Fri noon - 6 pm, Thu noon - 7 pm,
Sat/Sun 10 am - 5 pm


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