© Karlheinz Weinberger
"Tattoo-Meeting Olten", 70er Jahre

Karlheinz Weinberger
Gelebtes Leben – eine Retrospektive

Die erste Retrospektive "Gelebtes Leben" des Zürcher Fotografen Karlheinz Weinberger versammelt Bilder aus fünf Jahrzehnten und aus allen Gebieten seines Schaffens, collageartig zusammengestellt aus einem schier unerschöpflichen Fundus und Bilderschatz.

Weinberger interessierte sich zeitlebens nur für den Menschen. Er machte Sportreportagen, Familien- und Hochzeitsbilder gelegentlich, um die Projekte zu finanzieren, die ihn am meisten interessierten: die Dokumentation des Untergrunds. Sein Werk ist ein unentdecktes Gefilde mit vielen Verstecken, Winkeln, Wegen und Weiten, Pässen und Schleusen - ein imaginärer Irrgarten der Lüste und deren Nöte, ein Tableau des wirklichen Lebens, seiner Endlichkeit und Ewigkeit.

Weinberger ist ein fotografischer Ethnograph, ein visionärer Archivar des Ausgeschlossenen, der Schlachten- und Heroenmaler der lange Zeit verdrängten Rebellion gegen die kleinbürgerliche Wohlanständigkeit seit 1950. Weit bevor die 80er Jahre das authentische Leben als künstlerischen Wert verwertbar machten, war Weinberger mit seiner Kamera an jenen Orten, die es noch gar nicht hätte geben dürfen, an Orten und mit Menschen, die erst nach ihrer Auslöschung zu den Lifestyle-Fetischen unserer entzauberten Gegenwart wurden. Ausbruch und Widerstand, Sex und Drogen und die archaisch-komplizierten Rituale der Individuation von zur sozialen Seismographie verdammten Individuen an den Rändern und Unterseiten der kriegsverschonten, situierten und vor Wohlstand und Wohlerzogenheit strozenden Kleinstadt Zürich waren und sind Weinbergers Fetische, die er aus der diskreten Distanz nächster Nähe fotografisch raportierte, in der schlichten Erkenntnis ihrer baren, wahren Schönheit.

Von Anfang an schien er, der Schlaue, Schlichte von der Qualität seiner Bilder zu wissen. Seine kompromisslose Karriere begann er unter dem Pseudonym "Jim", dem Namen seines ersten Modells eines „Halbstarken“ anfangs der fünfziger Jahre. Nach längerer Arbeitslosigkeit war Weinberger tagsüber unter der Woche Arbeiter, Lagerist bei Siemens. In seiner Freizeit wurde er zum Jäger, zum Voyeur, zum Entdecker anderer Welten. Sein Interesse galt den Ausgeschlossenen der Gesellschaft. Er bezeichnet sich als Reportagefotograf und als unbedingten Ästheten. Obschon oder gerade weil er selten die Möglichkeit hatte, seine Bilder zu veröffentlichen, blieb er kompromisslos wertfrei. Er fotografierte, worauf sein Blick fiel, ohne Urteil, ohne Scham und ohne Vorwurf und ohne, dass er sich je darüber Rechenschaft ablegte, blieb er selbst bloss Auge. Kein Kalkül hat ihn je verleitet, als bloss das eigene Begehren nach dem Bild. Das ist der Kern der Mystik seiner Bilder.

Die Galerie Schedler zeigt in ihren erweiterten Räumlichkeiten eine Übersicht über sein Schaffen und damit erstmals eine Retrospektive, über die Themen, die ihn bewegten, die Arbeiter, die Halbstarken, Tätowierte, Gepiercte, Ringer, Fahrende, Biker – Menschen, die ihr Leben lebten und leben.

Ausstellungsdauer: 13.4 - 11.5.2002
Oeffnungszeiten: Di-Fr 12 - 18 Uhr, Sa 11 - 16 Uhr

Galerie Patrik Schedler
Josefstrasse 53
8005 Zürich
Telefon: 01 440 61 20
Fax: 01 440 61 21
E-Mail: mail@schedler.ch

www.schedler.ch