© Romeo Vendrame


Romeo Vendrame
curiosus naturae spectator



Im Sternbild der Grossen Blume

Tausend Farbpunkte, Lichtgeflimmer: Romeo Vendrames neue Fotoarbeit "curiosus naturae spectator" scheint in einem Märchenwald entstanden zu sein, an einem nicht genau lokalisierbaren Ort jedenfalls. Der Blick geht nah heran und entdeckt im Gewöhnlichen den Zauber und im Kleinen das Grosse. Es sind Blumen, Gräser, Bäume, fotografiert - doch mit den Mitteln der Fotografie schafft Vendrame eine ganz eigene malerische Bild- und Farbwirklichkeit. Sein Blick auf den Boden und in die Nähe wird durch die mediale Verwandlung des fotografierten Objekts auch zu einem Blick in ein phantastisches Firmament: in die Ferne eines so nicht existierenden Alls. Der im Bild nicht sichtbare Horizont wird dabei gleichsam zur imaginären Symmetrieachse, wo sich das Oben und Unten spiegelt. Der Betrachtende steht Kopf und wähnt sich im sternenübersäten Nachthimmel genauso wie auf der blumenübersäten Erde – und in einer unbekannten, neuen Wirklichkeit zugleich, in einer Welt eben, die es nur im Bild gibt.


Romeo Vendrame (*1949), ursprünglich Schriftsetzer, von 1979 bis 1991 experimenteller Musiker, später bildender Künstler, begibt sich in jedem Medium, das er wählt, in gewisser Weise auf Spurensuche: Spuren von Erinnerung, Spuren von visuellen Eindrücken und Farben, Spuren von Klängen. Als hellhöriger, für Zufälle und die Poesie des Augenblicks offener Amateur im Wortsinn macht er sich, unbeschwert von professionell angeeigneten Sachzwängen, an die Entdeckung eines neuen Mediums. Da ist einmal die Geräuschmusik, die er gewöhnlichen Alltagsdingen improvisierend entlockte und die bezeichnenderweise starke visuelle Eindrücke evoziert. Wenn man etwa "Die Verteilung der Winde" und "Im Wasser" hört, beides Musikstücke, die auf seiner CD "the principle of moments" (RecRec, 1992) zu finden sind, ziehen Bilder vor dem inneren Auge vorüber, ein Film in mehreren Sequenzen.


1997 entdeckt Romeo Vendrame die Fotografie für sich. Seither arbeitet er mit den Mitteln dieses Mediums, jedoch interessieren ihn die malerischen Qualitäten mehr als die traditionell abbildenden der Fotografie. Er fotografiert zwar einen in der sichtbaren Welt vorhandenen Gegenstand, doch das fertige Bild zeigt eine Wirklichkeit, die nicht direkt etwas mit dem Objekt zu tun hat. Vielmehr sind es die medialen Umwege, die den Zauber des Bilds ausmachen. Und das Unsichtbare - die Geister sozusagen, die in den Blumen, Gräsern, Bäumen wohnen und in der Luft vor dem Kameraobjektiv herumschwirren - wird plötzlich sichtbar im Bild, so scheint es.


Nicht zufällig zitiert Romeo Vendrame in seinem Buch "Afterglow" (edition fink, 2001) den polnischen Schriftsteller Andrzej Stasiuk: "Was mich jetzt erreicht, sind nur ihre Spuren, Phantome des Bezeichneten, aufgehalten auf halbem Weg zwischen Existenz und Benennung". Mit seinem "Art of Memory"-Projekt untersucht Vendrame anhand von Familienbildern, die ihm von Freunden und Bekannten als bedeutsame Bilder gegeben wurden, die Konstruktion von individueller und kollektiver Erinnerung. Was erinnert man wie und weshalb und welchen Ausschnitt wählt man und schneidet also vom Gesamtbild was genau weg? Und aus welchem Blickwinkel wird gesehen und festgehalten, mit welchen Worten erzählt? Familienereignisse werden bekanntlich von jedem Familienmitglied in einer anderen Version erzählt. Dies ist eine im Grunde genuin künstlerische Tätigkeit, da die Künste das kulturelle Kollektivgedächtnis (mit) herausbilden, indem sie Erinnerungs- und Aufarbeitungsarbeit leisten, die zugleich Infragestellung ist und Neuorientierung bietet, Zorn erregt, produktive Verwirrung stiftet, zum Lachen bringt.


In der Arbeit "curiosus naturae spectator" fängt Romeo Vendrame in der Rolle des neugierigen Naturbetrachters also die visuellen Zeichen, die die Blumen, Gräser, Bäume aussenden, gewissermassen im Flug auf und verwandelt sie in eine neue Bildrealität. Märchenhaften Sichten im Zwielicht gleich, vermitteln die Bilder die phantastisch anmutende Atmosphäre einer halb unberührten, halb künstlich wirkenden Natur. Als analog fotografierte, nicht am Computer bearbeitete Bild-Erfindungen haben sie die Stimmung einer romantisch inspirierten Gegenbewegung zum digitalen Bildgenerierungsprozess: Sind sie also die Natur mystifizierende Sehnsuchtsbilder im Zeitalter der technologischen Bilder? Sie versetzen einen jedenfalls in einen aperspektivisch gestalteten Erlebnisraum, in dem die Farbe eine visionär-traumhafte Realität erschafft.


Nadine Olonetzky, Juni 2003


Ausstellungsdauer: 22.8. - 11.10.2003
Oeffnungszeiten: Di-Fr 14 - 18 Uhr, Sa 13 - 17 Uhr
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