© Tatjana Gerhard

Tatjana Gerhard: ohne Titel, 2006
Öl auf Leinwand, 50 x 60 cm


Tatjana Gerhard / Nina Weber
Der Ausflug



"Wolltest du nicht wegfahren? Die sanfte Stimme! Gregor erschrak, als er seine antwortende Stimme hörte, die wohl unverkennbar seine frühere war, in die sich aber, wie von unten her, ein nicht zu unterdrückendes, schmerzliches Piepsen mischte, das die Worte förmlich nur im ersten Augenblick in ihrer Deutlichkeit beliess, um sie im Nachklang derart zu zerstören, dass man nicht wusste, ob man recht gehört hatte." (aus "Die Verwandlung" von Franz Kafka)


Die Galerie staubkohler freut sich ausserordentlich, zur Saisoneröffnung neue Arbeiten der beiden Künstlerinnen Tatjana Gerhard (*1974) und Nina Weber (*1980) vorstellen zu können. Es ist ein Ausflug nicht nur in ein unbekanntes Territorium, wo man leicht Schiffbruch erleiden und das Vertraute ins Unheimliche kippen kann. Die Biografien der beiden Künstlerinnen sind stark durch die Kulturen anderer Länder geprägt, was ihnen vielleicht jenen Blick "von aussen" ermöglicht, das Gewohnte als Seltsam zu entlarven oder im Banalen etwas Wunderbares zu entdecken. So wuchs Tatjana Gerhard im Wallis in einem Haushalt auf, wo die aus Dalmatien stammende Mutter kroatisch sprach, zog später für ihre Kunstausbildung nach Zürich und lebt heute in Berlin. Nina Weber kam in Tansania zur Welt und verbrachte ihre ersten Lebensjahre in Afrika. Dorthin ist sie dieses Jahr im Rahmen eines Austauschstipendiums zurückgekehrt und verbrachte die letzten 6 Monate in Südafrika.


"Wolltest du nicht wegfahren?": Tatjana Gerhard
Tatjana Gerhard erschafft in ihrem Berliner Atelier beunruhigende Gestalten, maskentragende Wesen zum Beispiel oder Gnomen mit entstellten Gesichtern oder fehlenden Gliedern, Geister, manchmal Zwerge, die sie mit einfachen kompositorischen Mitteln, wie einem Baumstrunk oder einer an eine Insel gemahnende Unterlage "fixiert". Vielleicht sind diese lebendig und spontan wirkenden Figuren aber auch Wesen aus einer anderen Dimension, unseren Denkvorstellungen entzogen oder um ein paar Gene von der Spezies Mensch entrückt. Die Figuren erscheinen verletzt oder verwundbar, eingeschüchtert, auf der Flucht und von der Umwelt abgenabelt: postapokalyptisch und düster. Nicht nur die Motive, auch die Farbwahl erinnert zuweilen an Goya. Basierend auf viel Erfahrung und einem unbekümmertem Selbstvertrauen arbeitet Gerhard mit schnellem Strich. Ihr Prozess lässt Zufälle zu und erfordert ein rasches Reagieren, bedingt aber auch ein laufendes Korrigieren und Wegwischen von nicht gelungenen Spuren, bis ein Bild ihrer Vorstellung entspricht.


"Wolltest du nicht wegfahren?": Nina Weber
Nina Weber kam vor ein paar Wochen mit unzähligen Eindrücken und vielen Zeichnungen zurück aus Südafrika. Die meisten Zeichnungen sind schwarzweiss, mit Tusche gefertigt und vor Ort entstanden. Zu sehen sind zwei wandfüllende, installative Arbeiten der Künstlerin: Eine "Reisedokumentation" und ein "Bühnenbild".


Die "Reisedokumentation" präsentiert Zeichnungen von Nina Webers Eindrücken aus Kapstadt und Ausflügen in Südafrika und nach Namibia. Viele Zeichnungen zeigen Sukkulenten, jene Pflanzen also, die mit wenig Wasser auskommen, die Ausharrerinnen und Überleberinnen in der Wüste. Die Pflanzen sind geprägt von einer unvergleichbar ornamentalen Schönheit. Diese Schönheit spürbar zu machen gelingt der Künstlerin durch eine sehr persönliche und körperhafte Interpretation. Die "Reisedokumentation" umfasst aber auch Portraits, Autos oder einen gefundenen Baboon-Schädel.


Das "Bühnenbild" ist eine wandfüllende Zeichnunsinstallation mit einer in der Mitte zentrierten grösseren Zeichnung von Kapstadt auf einer schwarz grundierten Wand. Um diese Zeichnung herum gruppiert die Künstlerin verschiedene andere Zeichnungen und Zeitungsschnipsel mit Werbeinseraten, lässt es wuchern, zweidimensional und dreidimensional von der Wand weg. Kapstadt ist eine urbane Bühne mit sozialen, politischen und kulturellen Problemen, viel Armut, künstlich aufgepfropft und es brodelt unter der Oberfläche, so sieht es die Künstlerin und so präsentiert sich diese Arbeit: als grosses Bühnenbild.


Nina Webers Arbeit ist facettenreich. Vordergründig steht das Interesse am Schönen und Harmlosen, zu dem sich oft "wie von unten her, ein nicht zu unterdrückendes, schmerzliches Piepsen mischt".


Ausstellungsdauer 23.8. - 14.10.2006

Oeffnungszeiten Mi-Fr 14 - 18 Uhr, Sa 12 - 16 Uhr


Galerie staubkohler
Rotwandstrasse 53
8004 Zürich
Telefon/Fax +41 (0)44 240 30 55
Email info@staubkohler.com

www.staubkohler.com
www.likeyou.com/tatjanagerhard Tatjana Gerhard


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