© Vera Lutter

Kunsthaus, Graz, III: December 19-20, 2003
208 x 107 cm


Vera Lutter
Inside In



"Vera Lutter: Inside In" ist die erste Ausstellung der fotografischen Arbeiten dieser Künstlerin in dieser Grössenordnung in Europa. Gezeigt wird ein breites Spektrum des fotografischen Werks der Künstlerin, angefangen von frühen, 1994 entstandenen Aufnahmen urbaner Räume in New York, über einzigartige Studien von Industriegebieten – in den Serien "Friedrichshafen" und "Frankfurt Airport" (1999 bzw. 2001) – bis zu den Innenarchitekturstudien "Studios" und "Pepsi Cola" aus den Jahren 2000-2003.


Vera Lutter arbeitet in experimenteller Weise mit der Technik der Camera obscura und konstruiert damit faszinierende Darstellungen von Raum und Architektur. Sie erfindet das Medium der Fotografie neu und tritt in einen Diskurs über das Wesen des Bildes an sich ein, indem sie einen neuen Zugang zu Zeit und Raum schafft. So werden auf Lutters Fotos verborgene Aspekte von dargestellten Objekten und Orten sichtbar: Sie werden an den Rand des Unvertrauten und Neuen, des Unheimlichen und Gezähmten gerückt und schweben zwischen Beweglichkeit und Ruhe, Nähe und Distanz.


In einem abgedunkelten Raum mit einem kleinen Loch belichtet die Künstlerin das Fotopapier direkt mit den Szenen der Aussenwelt. Die Bilder werden ohne Negativ hergestellt und sind folglich nicht reproduzierbare Einzelstücke. Der fotografische Prozess verkehrt die Farben auf dem Papier – der Himmel erscheint schwarz, die Gebäude weiss –, und das Bild selbst steht auf dem Kopf. Das grossformatige Bild aktiviert aufgrund seiner ungewöhnlichen Ausarbeitung die Wahrnehmung des Betrachters. Es ist fast so, als würde einen seine Unermesslichkeit dazu einladen scheinbar geisterhafte Environments zu bewohnen Die Trennung zwischen physischem und subjektivem Raum wird verwischt, und der Betrachter selbst wird ein wesentliches Element der Inside In-Performance. Das Rätselhafte der ungewöhnlich langen Belichtungszeiten und ihr unerwartetes Erscheinen könnte als Strategie zur Herbeiführung eines Ereignisses aufgefasst werden, das, verbunden mit der Hinterfragung der Spontaneität des fotografischen Prozesses, die einzigartige visuelle Erfahrung bei der Betrachtung von Lutters komplexem Werk verstärkt.


Die Anordnung der Werke in der Ausstellung ergibt eine narrative Abfolge, die den Betrachter durch die unheimliche Realität der fotografischen Welt Lutters führt. Auf konzeptueller Ebene reflektiert sie einen Prozess der Verinnerlichung, der typisch für den Ansatz der Künstlerin ist: von einer eindrucksvollen Bilderserie über Transportmittel, in denen die Spannung auf einer starken Illusion von Bewegung und gestoppter Bewegung beruht (Fotografien von Bereichen des Frankfurter Flughafens und der Rostocker Werften), über beunruhigende Visionen grossstädtischer Räume in New York, Chicago und Berlin, die einen gleichsam traumähnlichen Zustand der Spannung und der gebrochenen urbanen Erzählung wiedergeben, bis hin zu einer faszinierenden Serie von Interieurs – industrielle, meist heruntergekommene Räume, verstörend in ihrer Beklemmung und Stille.


Es sind Bilder eines "implodierten Raumes", in dem Verfremdung und Vertrautheit ein geistiges Konstrukt erzeugen, das über die physikalische Raumerfahrung hinausgeht. Diese letzte Serie tritt in einen konzeptuellen Diskurs als Teil eines intertextuellen Spiels mit ihren eigenen Spiegelungen innerhalb des Rahmens des Bildes ein, wobei sich die Bilder in einer beinahe endlosen Abfolge von Innenräumen vervielfältigen. Dadurch und durch die Aspekte der strukturellen Wiederholung und Selbstreflexion über das Medium verweist die Künstlerin auf Vertreter der Minimal Art und der Konzeptkunst wie Sol LeWitt und Dan Graham.


Die Ausstellung "Inside In" umfasst auch eine Fotografie, die von Vera Lutter während ihres Aufenthalts in Graz angefertigt wurde (wobei ein Raum des Kunsthauses als Lochkamera verwendet wurde).


Kuratoren: Peter Pakesch, Adam Budak


Zu der Ausstellung erscheint ein Katalog mit Reproduktionen aller Werke und Texten von Lynne Cooke, Stephan Schmidt-Wulffen und Peter Pakesch sowie einem Gespräch der Künstlerin mit Adam Budak.


Ausstellungsdauer: 28.2. - 2.5.2004
Öffnungszeiten: Di–So 10 - 18 Uhr, Do 10 - 20 Uhr


Kunsthaus Graz am Landesmuseum Joanneum
Space02
Lendkai 1
A-8020 Graz
Telefon +43 0316 / 8017-9200
Email info@kunsthausgraz.at

www.kunsthausgraz.at


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