© Walter Niedermayr

Shiga Kogen II, 2000
C-print, 104 x 264 cm, zweiteilig
Edition of 6


Walter Niedermayr


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Das fotografische Werk von Walter Niedermayr (*1952 in Bozen) wird derzeit in der Wanderausstellung "Zivile Operationen/Civil Operations" (Kunsthalle Wien, Kunstverein Hannover, Museum der bildenden Künste Leipzig, Württembergischer Kunstverein, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst Bozen) einem internationalen Publikum vorgestellt.


Die in unserer Ausstellung gezeigten Arbeiten greifen das Kernthema von Niedermayrs Bildern auf: die Topologie des alpinen Raumes. In mehrteiligen Schnee- und Gebirgslandschaften thematisiert der Künstler die Landschaft nicht als rein ästhetisches Phänomen, sondern die Präsenz des Menschen in ihr. Während die Bergregionen im 18. und 19. Jh. zu Orten des Erhabenen verklärt wurden, erklärt sie Niedermayr heute zu "Orten der Projektion: Die Menschen projizieren ihre Sehnsüchte in diese Räume und gehen mit bestimmten Vorstellungen hin". Niedermayr interessiert sich für die zivilisatorischen Eingriffe, die zum Zweck der touristischen Erschliessung dieser Räume vorgenommen wurden. Ehemals unberührte, weil nur schwer erreichbare Bergzonen sind zu begehrten Konsumwelten geworden, die mit Panoramarestaurant, Gletscher-rutschbahn oder Eisgrotte zu "alpinen Vergnügungsparks" (Martin Prinzhorn) hochstilisiert werden. Niedermayrs Bilder sind Zeugen der ästhetischen Transformation, die sich in diesen Landschaften parallel zu den immer schneller wechselnden Freizeitmoden vollzieht.


Die in der Ausstellung gezeigten Schnee- und Gebirgslandschaften sind in den letzten sieben Jahren entstanden. Neu wird u.a. die vierteilige, über vier Meter lange Fotografie "Jökulsárlón" eines isländischen Gletschersees zu sehen sein, dessen Abgeschiedenheit und Stille durch hektisch zirkulierende Touristenschiffe konterkariert wird. Diese Arbeit verdeutlicht eindrücklich, dass Niedermayrs Interesse nicht dem Einzelbild gilt. Vielmehr ist er an symmetrischen Bildkompositionen in Form von Abfolgen interessiert. Die einzelnen Sequenzen überlappen sich an den Bildrändern und bewirken so eine Art künstliche Überdehnung des dargestellten Raumes. Durch die Überlappung wird ein- und dasselbe Motiv in verschiedenen Zeitphasen sichtbar gemacht, ebenso wie die damit verbundenen Veränderungen in Topographie und Wahrnehmung. Dabei scheut Niedermayr nicht das redundante Moment der Wiederholung. Er setzt dieses als strukturelles Element ein, das für die Transformation des Raumes durch den künstlerischen Blick steht. Oder wie es Niedermayr selbst ausdrückt: "Raum wird über die Fotografie transformiert".


Dem Sequenziellen der Bildfolgen entspricht die Arbeitsweise des Künstlers. Vor den Aufnahmen studiert er topographische Karten, um Höhenunterschiede besser einschätzen und sich leichter in der Landschaft bewegen zu können. Denn erst aus dem Bewegungsvorgang heraus wird der richtige Standpunkt und die nötige Distanz zum Bildsujet gefunden. Die minimale Veränderung des Standpunktes sowie der Einsatz von wenigen Blickwinkeln in einer Bildsequenz provozieren eine Dezentrierung des Betrachters, die es ihm verunmöglicht, den tatsächlichen Blickpunkt des Fotografen nachzuvollziehen. Ein weiterer irritierender Effekt lässt sich daraus erklären, dass Niedermayr sämtlichen Elementen im Bild dieselbe Wertigkeit attestiert. So wird beispielsweise die Plastizität aller topographischen Details nivelliert, indem die Prints im Labor leicht unterbelichtet werden. Damit ergibt sich die Möglichkeit, die Farben im Vergrösserungsprozess feiner auszudifferenzieren. Dies führt einerseits zu einer grösseren Flächigkeit der Bilder, andererseits zu einer besseren Farbtrennung. Die Menschen, die sich in bunten Freizeitkleidern in den weissen Berglandschaften bewegen, schrumpfen damit zu winzigen Farbpunkten. In ihrer Künstlichkeit werden sie zu kompositionellen Elementen, die die Differenz von Bild- und tatsächlichem Raum anschaulich machen.


(Text: Birgid Uccia)


Zur Ausstellung erscheint das in unserem Verlag codax publisher produzierte Buch "titlis" von Walter Niedermayr mit einem Text von Martin Prinzhorn.


Ausstellungsdauer: 24.1. - 13.3.2004
Öffnungszeiten: Di/Mi/Fr 12 - 18 Uhr, Do 12 - 20 Uhr,
Sa 11-16 Uhr und nach telefonischer Verabredung


Galerie Bob van Orsouw
Löwenbräum-Areal
Limmatstrasse 270
8005 Zürich
Telefon 01 273 11 00
Fax 01 273 11 02
E-Mail: mail@bobvanorsouw.ch




Walter Niedermayr


The photography of Walter Niedermayr (born 1952 in Bozen) is currently on show to an international public in the touring exhibition "Zivile Operationen/Civil Operations" (Kunsthalle Wien, Kunstverein Hannover, Museum der bildenden Künste Leipzig, Württembergischer Kunstverein, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst Bozen).


The works on show in our exhibition go to the heart of Niedermayr's photography: the topology of the Alpine region. In multi-part snowscapes and mountain ranges the artist focuses not on the purely aesthetic phenomenon of the landscape but on its occupation by human beings. While these mountainous realms were seen as manifestations of the sublime in the 18th and 19th centuries, for Niedermayr they have now become "places of projection: people project their longings into these regions and go there with distinct, preconceived notions". Niedermayr is interested in the civilising interventions undertaken for the sake of opening up these parts to the tourist trade. Areas that once were untouched - due to their inaccessibility - have become prized consumer sites, nothing short of "Alpine amusement parks" (Martin Prinzhorn) with their panorama restaurants, glacier slides and ice grottoes. Niedermayr's photographs bear witness to the aesthetic transformation that these landscapes have undergone in step with the increasingly rapid turnover of leisure fads.


The snowscapes and mountain ranges shown in this exhibition were all shot in the last seven years. New items include "Jökulsárlón", a four-part photograph (over four metres in length) of a glacial lake in Iceland, its remoteness and silence strikingly at odds with the hectic coming and going of tourist boats. This work memorably demonstrates the fact that Niedermayr is less interested in single photographs than in symmetrical, sequential pictorial compositions. The individual images overlap so that the pictured area is artificially extended. This overlapping also allows a single motif to be seen in different time phases, along with the accompanying changes in the topography and its perception. In using this technique, Niedermayr is not afraid of the "redundancy" of repetition. Indeed he deploys it as a structural element that denotes the transformation of the space by the artist's eye. Or as Niedermayr has put it: "Spaces are transformed by photography".


The sequential nature of these pictures corresponds to the artist's preferred method of working. Before setting up his camera, he studies topographical maps in order to have a better appreciation of different altitudes and to move about more easily in the landscape. For only by moving around can he identify the right viewpoint and the necessary distance to the pictorial subject. The minimal shifts in the viewpoint plus the limited number of angles in any pictorial sequence serve to disorientate viewers with the result that they are unable to identify the actual position of the photographer. And the viewer is yet further unsettled by the fact that Niedermayr gives equal weight to all the components in a picture. Thus the importance of the topographical details of an image, for instance, might be undermined by the prints being underexposed in the laboratory. This in turn allows greater differentiation of the colours in the enlargement process. While this creates more of a planar effect, it also leads to better colour separation. The brightly dressed people disporting themselves in the white mountain landscapes thus shrink to tiny dabs of colour. Through the artificiality of their appearance they become compositional elements that alert us to the difference between the pictured and the actual space.


(Text by Birgid Uccia)


This exhibition is marked by the publication of the book "titlis" by Walter Niedermayr, with a text by Martin Prinzhorn, which is issued under our own imprint codax publisher.


January 24 - March 13, 2004


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