© Eggleston Artistic Trust, 2003

ohne Titel, aus der Serie "Los Alamos", 1966-74
© Eggleston Artistic Trust, 2003


William Eggleston
Los Alamos



Click for English text


Auf einer seiner Reisen machte William Eggleston Halt am Gelände des staatlichen Labors zur Entwicklung von Atomwaffen in Los Alamos, New Mexiko. Eggleston wandte sich mit einem Lächeln an einen Freund und sagte: "Weisst Du, ich hätte auch gerne so ein Geheimlabor." Den Titel "Los Alamos" wählte er für ein monumentales Farbfotografieprojekt, an dem er seit seiner ersten Farbaufnahme arbeitete.

Auf mehreren Reisen durch die Südstaaten zwischen 1966 und 1974 fotografierte Eggleston für das "Los Alamos"-Projekt. Das Museum Ludwig zeigt nun die "Los Alamos"-Serie Egglestons vom 15. März bis zum 9. Juni 2003 in einer Weltpremiere.

William Eggleston (geb. 1937 in Memphis) gelang der Durchbruch mit einer 1976 im Museum of Modern Art gezeigten Ausstellung, die als die "meistgehasste Schau des Jahres" (New York Times) betitelt wurde. Seine Farbaufnahmen galten vielen Kritikern als zu trivial, noch dominierte die Schwarzweiss-Fotografie den Kunstdiskurs. Eggleston, der sich selbst in der Nachfolge Henri Cartier-Bressons und Walker Evans sieht, experimentierte hingegen mit Abzugstechniken, die in der Werbung gängig waren und produzierte Bilder, die an den privaten Charakter von Amateurfotografien erinnerten. Irritierend an den Fotografien Egglestons ist in der Tat ihre vordergründige Beziehung zum alltäglichen Leben, ihre menschliche Perspektive, die doch von einem Misston des Abgründigen begleitet wird.

Das "dye-transfer"-Bildherstellungsverfahren ermöglichte es Eggleston einzelne Farben in ihrer Sättigung zu steuern und so eine extreme Farbintensität zu erreichen. So erhalten die Alltagsgegenstände eine übernatürliche Präsenz, die Atmosphäre wird emotional aufgeladen, die schlichten Gegenstände erscheinen als universell lesbare Zeichen.

Für die Fotografien der "Los Alamos"-Serie ist neben der Farbigkeit vor allem die Wahl des Ausschnitts ein entscheidendes Mittel. Egglestons "democratic camera" sieht die Welt ohne hierarchische Wertigkeit, so als ob "nichts mehr oder weniger wichtig ist". Auf einem Foto ist ein Mädchen mit kurzem Rock in leichter Untersicht fotografiert – wie aus der Sicht eines Kindes. Der Bildausschnitt ist so gewählt, dass nur der Rumpf, ohne Kopf, und die Beine bis zu den Waden zu sehen sind. Im Hintergrund erscheint eine weitere Person zur Hälfte am Bildrand. Das Mädchen gewinnt eine bedrängende Dominanz, ihre herabhängende Hand tritt stark in den Fokus und damit auch die seltsame Tätowierung, die so gar nicht zu der mit Kindermotiven bedruckten Bluse und den weissen Kniestrümpfen passen will. Die unvollständige Wiedergabe der Menschen sorgt für eine beunruhigende Entpersonalisierung; die Protagonisten werden wie Gegenstände präsentiert und erscheinen gleichzeitig überdimensioniert und in ihren widersprüchlichen Eigenschaften irritierend.

Das Motiv des Reisens ist für viele "Los Alamos"-Fotografien stilistisch und inhaltlich bestimmend: immer wieder taucht das Auto als Sujet auf, viele Bilder wurden aus dem fahrenden Wagen aufgenommen. Doch obwohl die Aufnahmen geografisch konkret lokalisierbar sind, bleiben sie seltsam orts- und zeitlos, wie eine Reihe von Szenen, die einem Film entnommen sein könnten.

Zusammen ergeben die Bilder der "Los Alamos"-Serie eine Blaupause der Weltsicht Egglestons, ein fotografisches Kompendium irgendwo zwischen Familienalbum und psychedelischem Rausch, das Eggleston selbst als "Krieg mit dem Offensichtlichen" bezeichnete. Sie strahlen bis heute eine packende Unmittelbarkeit aus, die sich zunächst den Sehgewohnheiten des Betrachters einschmeichelt, um ihn dann noch nachhaltiger seiner Bezugspunkte in der eigenen Realität zu berauben. Egglestons manipulative Fähigkeiten könnten durchaus in einem "Geheimlabor" entstanden sein.

Im Anschluss an die Präsentation in Köln wird die Ausstellung im Museu de Arte Contemporânea de Serralves, Porto, im Museet for Samtidskunst, Oslo, im Louisiana Museum of Modern Art, Humlebaek, in der Albertina, Wien, im San Francisco Museum of Modern Art und im Dallas Museum of Art gezeigt.


Ausstellungsdauer: 15.3. - 9.6.2003
Oeffnungszeiten: Di 10 - 20 Uhr, Mi-Fr 10 - 18 Uhr
Sa/So 11 - 18 Uhr, Mo geschlossen


Museum Ludwig
Bischofsgartenstrasse 1 (beim Dom/Hauptbahnhof)
D 50667 Köln
Telefon +49 221 221 26 165
Fax +49 221 221 24 114

www.museenkoeln.de/museum-ludwig




William Eggleston
Los Alamos



"I had this concept of a democratic way of perceiving, as I call it. That nothing is more or less important. These words by William Eggleston characterize perfectly the conceptual approach of the American photographer to the description of the everyday. The Museum Ludwig presents for the first time the series "Los Alamos" in conjunction with the Eggleston Artistic Trust in Memphis.

William Eggleston, born in Memphis, Tennessee, in 1937 is regarded as the "inventor of colour photography" since his spectacular exhibition at the Museum of Modern Art in New York in 1976. In contrast to other photographers he uses colour in a targeted way rather to arouse the observer's emotions and not so much to present a detailed description of the objects photographed. His motifs present everyday life in the southern states of the USA, although they go far beyond the objects depicted and are of universal character. During the last thirty years his works have met with increasing appreciation and he is regarded as one of "the few men of genius in photography" (Andy Grundberg, New York Times). His works are in the tradition of realistic photography and have exerted a profound influence on the style of 20th century photography. The influence and significance of Eggleston's work is comparable with that of Eugene Atget and Walker Evans.

"Los Alamos" is a series which has so far not been exhibited. It represents the typical colour-photography of the early phase of the artist. Now the Ludwig Museum is presenting the world premiere of the "Los Alamos" series. More than 75 hitherto unpublished colour photographs by Eggleston, who participated in Documenta 11, will be shown to the public for the first time.

The "Los Alamos" photographs were taken between 1964 and 1974 during numerous trips to the southern states of the US. William Eggleston's original plan was to create a portfolio comprising his photographs to provide observers with a visual view of the world which reflected his experience. The project, however, was never realised and now, thirty years on, we are given the opportunity to view an extract from this encyclopaedia of everyday life.

Following its presentation in Cologne this exhibition will also be shown in the Museu de Arte Contemporânea de Serralves, Porto, the Museet for Samtidskunst, Oslo, the Louisiana Museum of Art, Humlebaek, the Albertina, Vienna, the San Francisco Museum of Modern Art, and the Dallas Museum of Art.


15 March - 9 June 2003