Work to do!
Selbstorganisation in prekären Arbeitsbedingungen



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Die 3. Thematische Projektreihe setzt sich mit den Dynamiken, Selbstermächtigungspotentialen und Problemen von "Selbstorganisation in prekären Arbeitsbedingungen" auseinander. Das Projekt beschäftigt sich mit dem Wandel der Arbeitsverhältnisse und untersucht die Konsequenzen und Möglichkeiten, auf diesen Wandel durch Selbstorganisation zu antworten.


Die Debatten um gesellschaftliche Prozesse, die zur Zeit mit Schlagwörtern wie "Unterschicht", "Prekariat" und "Generation Praktikum" verbunden sind, basieren auf einem rasanten Umbau von Arbeitsverhältnissen und Abbau von sozialen Sicherungssystemen, der als Diskurs erst von einer breiteren Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen wurde, als schlechte, bzw. sich die verschlechterten Arbeitsbedingungen zunehmend auch die privilegierten, urbanen Mittelschichten betrafen. Dabei wird jedoch oft übersehen, dass im globalen und historischen Vergleich die meisten Menschen von so genannten prekären Arbeitsverhältnissen betroffen waren und sind. Globalisierungsprozesse, neoliberale Unternehmensstrategien und vor allen Dingen die Erosion des europäischen Sozialstaatmodells führten zu der heute zu beobachtenden verstärkten Aufmerksamkeit für "prekäre" Arbeitsbedingungen, die auch in Bereichen der post-fordistischen Wissens-, Dienstleistungs- und Kreativindustrien vorzufinden sind.


Die Diskussionen um neue Arbeitsformen und soziale Absicherung stehen in einer engen Wechselbeziehung zu Konzepten der "Selbstorganisation" und "Selbstständigkeit". Einerseits im Zusammenhang mit der von staatlicher Seite angestrebten Entlastung der sozialen Systeme, die durch "Fördern und Fordern" Anreize zur einer stärkeren Eigenverantwortung setzen möchten und andererseits als marktwirtschaftliches Prinzip der Gewinnmaximierung durch Einbindung der KonsumentInnen. Die Krux der Dynamik der "Selbstorganisation" ist komplex, was von unternehmerischer Seite verfolgt wird, beansprucht der Staat auch für sich. Tendenziell wird die Verantwortung für Sozialleistungen an die BürgerInnen mehr und mehr übergeben. Die Zivilgesellschaft muss auf die "Outsourcingtendenzen" von Sozialleistungen reagieren. Eine Möglichkeit ist es, als Antwort auf den verstärkten Druck mit Formen von Selbstorganisation zu reagieren und dabei Demokratisierungsprozesse mitzudenken. Von prekären Lebensbedingungen sind in den "westlichen" Gesellschaften neben Menschen mit schlechter (Aus-)Bildung in besonderen Masse Frauen, Jugendliche, Angehörige der älteren Generationen und MigrantInnen betroffen, da Lohnhöhe und Arbeitsbedingungen an geschlechtliche und ethnische Rollenzuweisungen, bzw. Einschluss- und Ausschlussmechanismen gekoppelt sind, die teilweise massive Benachteiligungen nach sich ziehen.


Die weit gefächerten Formen der Selbstorganisation bleiben dabei oft ambivalent und verorten sich zwischen den Extremen "(Selbst-)Ausbeutung" und "selbstbestimmtes Handeln". Die Idee der Selbstorganisation basiert auf einem systemtheoretischen Gedanken. In einer "positiven" Variante erfolgt keine Trennung und Hierarchie zwischen organisierenden und gestaltenden oder lenkenden Teilen. Sämtliche Teile sind durch sich permanente ändernde Beziehungen miteinander vernetzt und eine Vorhersehbarkeit des Verhaltens wird erschwert. Selbstorganisation erfordert Handlungsspielräume der Beteiligten und wird gegen bestehende Formen der Fremdbestimmung erkämpft. Die Thematische Projektreihe möchte den Modus der Selbstorganisation in seiner Dichotomie befragen und herausfinden inwiefern dieser in verschiedenen Kontexten und in einzelnen Fällen modellhaft und real Demokratisierungsprozesse beeinflusst.


Projekte / Ausstellung
Für den Auftakt der Thematischen Projektreihe haben wir Folke Köbberling und Martin Kaltwasser eingeladen. Der Titel ihrer neuen Arbeit "Baustoffzentrum - eine Sammlung Zürcher Ressourcen, gesichtet und gesichert von Folke Köbberling und Martin Kaltwasser, für einen innerstädtischen Satellit der Shedhalle" beschreibt bereits einen Teil der Motivationen und des Planungs-, bzw. Entstehungsprozesses. Für ihrer Projekte nutzen sie die "Stadt als Rescource" und greifen auf Materialien zurück, die sie im städtischen Raum zum Beispiel in Containern oder auf Baustellen finden. Die Fundstücke werden in einem Materiallager sortiert und öffentlich gemacht ehe in einem zweiten Schritt aus ihnen ein Haus gebaut wird.


In das Setting dieses "Baustoffzentrums" werden Film-/Videoarbeiten und Dokumentationen, die sich mit dem Modus der Selbstorganisation auseinandersetzen, implantiert, die von Madeleine Bernstorff zusammengestellt wurden. Die Beschäftigung mit Selbstorganisation hat in der kulturellen Praxis eine lange Tradition.


Treffen und Besuche
Eine Reihe von Treffen mit selbstorganisierten Initiativen ist ein weiterer Bestandteil des 1. Projektabschnittes. Jeweils am Donnerstag im März und April, 22.3. / 29.3. / 5.4. / 12.4. / 19.4. sind "Besuche/Treffen" in Zürich VOR ORT geplant, Treffpunkt ist die Shedhalle um 19 Uhr. Uns erscheint das "Hinausgehen" aus der Institution wichtig, um die Orte und Menschen, die hinter diesen Initiativen stehen, kennen zu lernen und über ihre Motivationen, Aktivitäten und Arbeitsbedingungen von ihnen zu erfahren. Wir verstehen die Besuche als eine öffentliche Recherche, welche die üblichen Führungen Donnerstag abends für einen kurzen Zeitraum ersetzen. Die Gespräche mit den Initiativen werden dokumentiert und ebenfalls in die Ausstellung integriert.


Workshop / Talks
Im Rahmen der Projektreihe möchten wir mit KünstlerInnen langfristige und nachhaltige Projekte entwickeln, die spezifisch den Kontext Zürich mit einbeziehen und in ihrer Projektperformanz sowohl in der Shedhalle als auch in der Stadt sichtbar sein werden. Am 21. April zwischen 15 - 20 Uhr werden die KünstlerInnen ihre Praxis vorstellen. Die entstehenden Projekte werden dann in ein Ausstellungsprojekt münden, das im Herbst eröffnet und sich in verschiedenen Etappen vorstellen wird.


Ausstellungsdauer 2.3. - 22.4.2007

Öffnungszeiten Mi/Fr 14 - 17 Uhr, Do 14 - 21 Uhr,
Sa/So 14 - 20 Uhr


Shedhalle
Rote Fabrik
Seestrasse 395
8038 Zürich
Telefon +41 (0)44 481 59 50
Fax +41 (0)44 481 59 51
Email info@shedhalle.ch

www.shedhalle.ch




Work to do!
Self-Organisation in Precarious Working Conditions.



The Third Thematic Project Series looks at the dynamics, self-empowerment potential and problems of "self-organisation in precarious working conditions". The project deals with the changes taking place in working conditions and examines the consequences and possibilities of responding to these changes with forms of self-organisation.


The controversies surrounding social processes, currently associated with catchphrases like "the underclass" ("Unterschicht"), "Precarity" and "Generation Internship", are based on a rapid reorganisation of working conditions and the dismantling of social safety nets. A broader public is only now taking notice of this is a trend as a discourse because these poor or worsening working conditions are increasingly affecting the privileged urban middle-classes as well. This awareness often overlooks the fact, however, that, in a global and historical comparison, the vast majority of people have always been - and still are - affected by so-called precarious working conditions. The pressures exerted by globalisation processes, neo-liberal corporate strategies and, above all, the erosion of the European model of the welfare state have all led to today's observable heightened awareness for "precarious" working conditions, which are also to be found in the Post-Fordism knowledge, service and creativity industries.


The discussions revolving around new forms of work and social protection are closely interrelated to conceptions of "self-organisation" and "self-sufficiency": on the one hand, in connection with the state's attempt to ease the "burden" on social welfare systems, which through "encourage and demand" incentive strategies are supposedly seeking to generate more self-responsibility; and on the other, as a principle of a market economy geared to maximizing profit, through integrating consumers. The crux of the dynamic of "self-organisation" is complex: whatever the entrepreneurial side pursues is also claimed by the state for itself. The prevailing tendency is to increasingly pass on responsibility for social services to citizens. Civil society is forced to respond to the "outsourcing tendency" affecting social services. One possibility is to answer the intensified pressure with forms of self-organisation and, in doing so, keep in mind processes of democratisation. Particularly affected by precarious living conditions in "western" societies are, along with persons with poor education or training, women, youths, members of older generations and migrants, because wage levels and working conditions are coupled to assigned gender and ethnic roles, and so mechanisms of in- and exclusion, which entail massive disadvantages.


At the same time, the diversified forms of self-organisation often remain ambivalent and are located between the extremes of "(self-) exploitation" and "self-determined action". The idea of self-organisation is based on the fundament of system theory. In a "positive" variation, there is no separation and hierarchy between the organising and constituting or steering parts. All of the parts are networked with one another through permanently altering relationships, making it difficult to predict behaviour. Self-organisation necessitates the participants having room to manoeuvre and is grinded out against existing forms of heteronomy. The Thematic Project Series aims to interrogate the modus of self-organisation in its dichotomy and find out the extent to which it influences, both as an exemplary model and in reality, processes of democratisation in various contexts and individual cases.


Projects / Exhibitions
We have invited Folke Köbberling and Martin Kaltwasser to launch the Thematic Project Series. The title of their new work "Building Material Centre - A compilation of Zurich resources, sighted and secured by Folke Köbberling and Martin Kaltwasser for a downtown satellite of the Shedhalle" - already provides a description of one component in the motivation and the planning and formation process. For their projects they use the "city as a resource" and draw on materials they find in urban spaces, for example in containers or on building sites. The finds will be sorted in a materials store and exhibited to the public, before, in a second step, being used to build a satellite house.


Film and video works as well as documentations focusing on the modus of self-organisation, compiled by Madeleine Bernstoff, will be implanted in the setting of this "Building Material Centre". Engaging with self-organisation has a long tradition in cultural practice.


Meetings and Visits
A series of meetings with self-organised initiatives is another component of the first project section. On Thursdays in March and April (beginning on 22.3, then 29.3, 5.4, 12.4, 19.4) visits/meetings are planned ON SITE in Zurich. Meeting point is the Shedhalle at 7 pm. It seems to us that "leaving behind" the institution is of extreme importance if we wish to get to know the locations and the people behind these initiatives. Only so can we find out and appreciate their motivation, activities and working conditions. We understand these visits as a kind of public research trip and they will replace the usual Shedhalle guided tours on Thursdays for a short period. The talks held with the initiatives will be documented and integrated into the exhibition.


Workshops / Talks
In the framework of the Project Series we wish to develop long-term and sustainable projects with the artists which specifically incorporate the Zurich context and will be visible in their project performance both in the Shedhalle as well as the city in general. The artists will present their project practice on 21 April 2007 between 3 pm and 8 pm. The emerging projects will then flow into an exhibition project to be opened in autumn that will be presented in its various stages.


Exhibition 2 March - 22 April 2007

Opening hours Wed/Fri 2 - 5 pm, Thur 2 -9 pm,
Sat/Sun 2 - 8 pm